Können die Menschen aus der Geschichte lernen? Schon möglich. Doch manchmal müssen sie auch verlernen, was sich ihnen in Katastrophen und Blutbädern eingehämmert hat. Das ist besonders schwer, denn nichts gräbt sich mehr ins Gedächtnis ein als der Schmerz. Ein wohlbekannter Mechanismus: Germanische Sitte soll es gewesen sein, Zeugen eines Rechtsakts eine Ohrfeige zu geben, damit sie nicht vergessen. Der Ritterschlag erinnert, wenn auch nur noch mit symbolischem Schmerz, an den Treueschwur.

Doch vor allem die Kriege sind etwas, das nur schwer vergessen wird.

Erinnerung und Mythos stiften ein "kollektives Gedächtnis" (in den Worten des Historikers Maurice Halbwachs). Die kollektive Erinnerung an Sieg und Niederlage im Krieg, in der sich sowohl Nationen als auch Ethnien ihrer Zusammengehörigkeit versichern, ist im modernen Europa so lebendig wie eh und je. Ob es die Schlacht auf dem Amselfeld ist - die Niederlage der serbischen Armeen gegen die osmanischen Türken 1389, aus dem sich serbisches Nationalgefühl nährt - oder der Sieg Wilhelms III. über die katholischen Armeen in der Schlacht am Boyne 1690, der noch heute alljährlich Massenschlägereien zwischen Katholiken und Protestanten in Ulster auszulösen vermag: In der kollektiven Erinnerung vermischen sich Geschichte, Legende und Propaganda zu einem bedrohlichen Explosivstoff. Und kaum etwas scheint gefährlicher zu sein als mit den Ikonen der Vergangenheit dekorierter Chauvinismus.

Das sind extreme Beispiele. Doch auch unterhalb des Niveaus solcher Leidenschaft spielt kollektive Erinnerung ihre Rolle in gegenwärtiger Politik. Deutschlands nächste Nachbarn in Europa beziehen aus ihrer Erinnerung an zwei Weltkriege andere Konfliktdefinitionen als die Deutschen, und sie ziehen daraus auch gänzlich andere Schlüsse. Unterschiedliche kollektive Erinnerung kann sogar der europäischen Verständigung im Wege stehen, wie jetzt zwei amerikanische Autoren konstatierten (Andrei Markovits, Simon Reich, Das deutsche Dilemma, Alexander Fest Verlag 1998).

Franzosen und Briten haben ein anderes Kriegsbild als die Deutschen Wie unterschiedlich wir uns in Europa erinnern, zeigt sich am Beispiel des Ersten Weltkriegs. Für die Deutschen ist diese Katastrophe überlagert von der noch größeren des Zweiten Weltkriegs. Für unsere Nachbarn aber ist der "große Krieg" noch überaus präsent. Im belgischen Ieper etwa erinnern sich die Bewohner der Kleinstadt mit der berühmten, im Ersten Weltkrieg zerstörten, heute wieder aufgebauten Tuchhalle jeden Tag seit mittlerweile fast achtzig Jahren an den Krieg. Jeden Tag, pünktlich um acht Uhr abends, erweist man in einer Zeremonie am britischen Kriegsdenkmal, am Menen-Tor, all denen die Ehre, die hier den Tod gefunden haben. Ähnlich in Nordfrankreich an der Somme: An jedem 1. Juli erinnern sich Franzosen und Engländer an die verlustreiche Somme-Offensive der Briten 1916 - mit Umzügen in alten Uniformen, unter den Klängen der Dudelsackpfeifer britischer Regimenter und unter Anteilnahme unzähliger Besucher. Das Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs bei Verdun ist das ganze Jahr über Touristenattraktion. Das Erinnern gipfelt allsommerlich in einem Son et lumière-Spektakel, das Hunderte von Laiendarstellern mobilisiert.

Wer sich bei öffentlichen Gelöbnissen der Bundeswehr an finsterste deutsche Traditionen erinnert fühlt, wird sich beim unbefangenen militärischen Zeremoniell unserer Nachbarn kaum wohler fühlen. Was Wunder: wir erinnern anders. Und an anderes.

Im deutschen Kriegsbild bedeutet Krieg eben nicht, wie für die Franzosen und Briten, die Erinnerung an eine Befreiung, an den Sieg über die Besatzungsmacht und ihren Diktator, an nationale Souveränität und die Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Wie denn auch: Den Aggressor stellten schließlich die Deutschen. Und während des Kalten Krieges stellten sie, wie viele glaubten, gleich noch die künftigen Opfer. Seit den achtziger Jahren, in denen Deutschland Ost und West als Aufmarschgebiet der Truppen in einem künftigen Weltkrieg galten, ist für viele Deutsche der Krieg nur als umfassende Katastrophe denkbar, in der es keine Sieger gibt und mit der sich nichts Positives verbinden läßt.