Auf der Londoner Oxford Street, einer der zentralen Shoppingmeilen der Welt, wackeln die Ladenwände. Zwischen Marble Arch und Tottenham Court Road spielt sich ein gnadenloser Grabenkrieg ab, von dem der tütenbeladene Einkäufer keine Ahnung hat. Was ist los? Billigbudenbesitzer und die Oxford Street Association, eine Initiative etablierter Geschäfte, Hotels und Restaurants, befehden sich derzeit.

Der Grund: ein rasanter Imageverlust der Einkaufsstraße, der wachsende Lärm, Müll und Schund, für den laut Oxford Street Association die kleinen Shops und Buden verantwortlich sind. Dahinter steckt die Sorge der seriösen Unternehmen, ihre Kundschaft könne in andere Stadtteile oder gar in Einkufszentren weiter draußen abwandern. Immerhin ließ der Durchschnittskunde bis jetzt täglich 40 bis 50 Pfund auf der bekanntesten Einkaufsstraße Englands.

Sally Collinson, die Direktorin der Oxford Street Association, beschreibt die Entwicklung dramatisch: "Wir ersticken im Dreck jeder Art. Die Konsequenz ist, daß wir permanent Kunden verlieren. Die meisten Einkäufer gehen bloß schnurstracks zu Selfridges oder Marks & Spencer und dann wieder nach Hause.

Niemand hat mehr Lust, hier zu bummeln. Wir machen uns nicht vor, daß die Oxford Street jemals vornehm werden könnte, das war sie noch nie. Aber sie war auch noch nie so unerträglich wie heute." Vor allem das Ostende der Straße zwischen Oxford Circus und Tottenham Court Road ist von Ramschhändlern heimgesucht. Crest of London, Mode, Churchill oder Warrior bieten an, was wenig Wert und Nutzen hat und in der Mehrzahl pubertierende Touristengruppen anzieht: überdimensionale Union Jacks und Patchwork-Samthüte, Spice-Girls-Poster, Sonnenbrillen und T-Shirts, die das Dilemma in Worte fassen: "My mother went to London and all I got is this lousy T-Shirt".

Ein "Facelift" sei absolut notwendig, fordert Sally Collinson, und das heiße vor allem: Billigbuden raus! Ihre Association macht Druck auf die zuständige Stadtverwaltung Westminster Council und bemüht sich, die Vermieter der gefragten Ladenlokale auf ihre Seite zu ziehen. Doch die leben zum größten Teil gar nicht in London und sehen die Situation daher gelassen. Ohnehin sind Ladenlizenzen häufig auf Lebenszeit ausgestellt und werden innerhalb der Familie weitergereicht. "Unterm Strich haben wir keine Möglichkeit, diese Schundläden auf die Schnelle loszuwerden", gibt Collinson zu. Mindestens zehn Jahre seien für die Reinigungsaktion einzuplanen.

Häßlich war die Straße immer, vornehm wird sie nie Das klingt lang, wenn man weiß, daß sogar die schicke Bond Street, gleich um die Ecke, mittlerweile unter dem angekratzten Glanz der Einkaufsstraße leidet. Die Mieten dort liegen in astronomischen Bereichen. Doch Läden wie Calvin Klein, Guess, Tommy Hilfinger, Louis Vuitton und Chanel sind meist menschenleer. Auf dem Bürgersteig macht das Personal verlängerte Zigarettenpause. Nachdem die schwerreiche Geschäftsfrau Christina Ong kürzlich laut erwog, sich aus der Gegend zu verabschieden, zittern noch mehr Ladenbesitzer um ihre Zukunft. Zu Ongs Franchise-Imperium gehören immerhin Prestigeadressen wie das Donna-Karan-Geschäft und Armani.

Auf der Ecke Oxford Street/Great Chapel Street sitzt derweil Barry Silver in seinem kleinen Tingeltangel-Shop Mode hinter der Kasse. Von einer Imagepolitur hält er nichts: "Ich lasse mich von niemandem vertreiben. Mein Laden zieht schließlich mehr Kunden an als die großen Kaufhäuser am anderen Ende der Straße. Stellen Sie sich vor, wie es hier aussähe, wenn wir gehen müßten: Nur große Ketten - dann ist die Oxford Street tot. Letztlich gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Das ist alles eine Frage des Geldes, und meinem Vermieter ist es egal, wer hier die Miete zahlt. Also bleibe ich. Wer damit ein Problem hat, interessiert mich nicht."