Vor drei Jahren erschien bei Suhrkamp das Buch Bruchstücke von Binjamin Wilkomirski. Darin erinnert sich der Autor seiner frühesten Kindheit. In tastender Schreibweise fördert er nach und nach Bilder aus dem Vernichtungslager Majdanek, aus einem Waisenhaus in Krakau und aus seinen ersten Jahren bei Schweizer Pflegeeltern hervor. Der Leser wird zum Zeugen bestialischer Greueltaten. Er darf hautnah die Traumatisierung eines Kindes miterleben, das erst seiner Eltern und Geschwister und dann auch noch seiner Identität beraubt wird: Die Adoptiveltern zwingen es, seine jüdische Herkunft zu verleugnen.

Die Bruchstücke waren also das tapfere Zeugnis eines zweifach Geschundenen, der endlich die Wahrheit des eigenen Lebens gegen eine Welt voller Verleugner behauptet. Das Buch ist in der Schweiz, die gerade intensive Bekanntschaft mit der dunklen Seite ihrer jüngsten Geschichte macht, ein Bestseller. Es liegt bereits in zwölf Sprachen vor. Daniel Goldhagen fand lobende Worte. Die Bruchstücke wurden in den USA mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnet.

Bis hierhin ist das fast eine tröstliche Geschichte. Nun haben aber Recherchen der Weltwoche ergeben, daß Wilkomirski, bürgerlich Bruno Doessekker, seine jüdische Biographie erfunden hat. Das Kind aus Riga ist in Wirklichkeit ein Junge vom Zürichberg, geboren als uneheliches Kind einer gewissen Yvette Berthe Grosjean, nach einer Zeit im Kinderheim (in Adelboden) vom Arztehepaar Doessekker adoptiert. Und damit wird aus der tröstlichen eine gräßliche Geschichte.

Bruno Doessekker hat seinen Verlag, die Literaturkritik, die historische Zunft und dann auch noch die Organisationen der wirklichen Opfer getäuscht.

Das ist freilich nur die eine Hälfte des Skandals, denn alle Betroffenen haben sich ja bereitwillig täuschen lassen. Wenn sie jetzt das Buch ein zweites Mal lesen, werden ihnen die Augen übergehen: Wie konnte man sich von diesem gnadenlosen Kitsch beeindrucken lassen, dieser Kolportage aus Holocaust-Schauerromantik, pornographisch expliziten Gewaltszenen und klassischen Elementen der wahnhaften Selbstmythisierung (vom kleinen Moses im Weidenkorb bis zur Sprachlosigkeit Kaspar Hausers)?

Ein labiler, vielleicht kranker Mensch hat seine ganze Größenphantasie zusammengenommen, um heldenhaft, rein und unantastbar zu werden. Er wollte ein Opfer werden, dem sein Leid geglaubt wird. Wilkomirski/Doessekker hat dafür das Andenken der wahren Opfer mißbraucht. Und ein in falscher Pietät erstarrter Kulturbetrieb, der es als Zeichen guten Willens mißversteht, bei einem heiklen Thema nicht zu viele Fragen zu stellen, hat dabei sekundiert.