Seit Jahrzehnten wird hierzulande um die Börsenstruktur gestritten. Viele Großbanken und manch ein Bundespolitiker glauben bis heute, allein die Deutsche Börse AG in Frankfurt könne den Finanzplatz Deutschland sichern.

Merkwürdigerweise zeigten sich die sieben Regionalbörsen von dem polit-ökonomischen Streit lange Zeit unbeeindruckt. Sie schliefen brav unter dem Frankfurter Rockzipfel weiter. Es galt sogar als schick, sich ein gleich aussehendes Börsenantlitz zu verpassen - bis zur gegenseitigen Unkenntlichkeit. Produkte, Marktgebräuche und auch die Handelstechnik waren in Hamburg kaum anders wie in Frankfurt, Berlin oder München. "Wir ritten auf dem Gleichmachertrip", gesteht ein führender Börsenmanager. Erst Ende der Achtziger begannen einige aufzuwachen. Der Weckruf war erschallt, nachdem die elektronische Abwicklung in einer einzigen Datenzentrale in Frankfurt am Main konzentriert worden war.

Ein Rettungsweg in der Finanzprovinz hieß "Spezialisierung". So setzt die Berliner Wertpapierbörse seit 1993 auf Auslandswerte. Mehr als 2000 Aktien von Firmen aus aller Welt, doppelt so viele wie noch am Jahresanfang, werden heute in der Hauptstadt gehandelt, von Blue Chips wie Coca-Cola über US-Gefängnisse bis hin zu britischen Fußballfirmen wie dem früheren Klinsmann-Club Tottenham Hotspurs. Spree-Spezialitäten sind auch hochriskante Wertpapiere "aus Mittel- und Osteuropa", darunter drei Aktien aus Bulgarien, eine aus Litauen sowie drei Werte aus dem (mittelasiatischen) Kasachstan. "In Deutschland sind wir Marktführer", freut sich Geschäftsführer Jörg Walter und beziffert seinen Anteil am hiesigen Ostmarkt auf 60 Prozent. Der russische Krisentaumel schlägt sich an der Berliner Börse positiv nieder, nämlich in größeren Umsätzen. Mehr noch als im richtigen Leben gilt hier die Feststellung: "Des einen Leid ist des anderen Freud", denn Börsen verdienen an einem Crash meist ebenso prima wie bei einem flotten Kursanstieg.

Der Nischenanbieter in Berlin setzt zudem auf den "Freiverkehr", der mit seinen niedrigen Zugangshürden gerade für ausländische Aktien und auch junge hiesige Firmen attraktiv ist. Die ansonsten zwingende Begleitung durch ein Kreditinstitut ist nicht erforderlich, sondern kann auch von einem Makler geleistet werden. Die Resonanz ist rege, der Freiverkehr macht an der Berliner Wertpapierbörse inzwischen drei Viertel des Aktiengeschäftes aus.

Geschäftsführer Walter: "Auf diesem Weg können wir auch unsere Kernaufgabe erfüllen, nämlich Eigenkapital insbesondere für kleine Firmen zu beschaffen."

Der Börsenboß beziffert das in den vergangenen zwei Jahren für fast 10 AG-Neulinge mobilisierte Eigenkapital auf 100 Millionen Mark.

Auf Marktnischen und Innovationen innerhalb der althergebrachten Geschäftsfelder setzen auch andere Regionalbörsen. Dem Berliner Freiverkehr und dem Neuen Markt der Frankfurter Leitbörse setzen die Hamburger ihren Start Up Market und die Münchner einen Prädikatsmarkt an die Seite, auf denen Firmen ebenfalls leichten Zugang zum vornehmlich elektronischen Börsenparkett finden sollen. Und die Baden-Württembergische Wertpapierbörse in Stuttgart will sich im Handel mit Optionen bundesweit bereits vor die Deutsche Börse in Frankfurt auf Rang eins geschoben haben.