Man hatte ja gehofft, sie sei inzwischen verflogen: die Illusion, man könne das Leben selbst auf die Mattscheibe locken. Doch es bleibt dabei: nichts ist künstlicher als der televisionäre 1:1-Zugriff auf das menschliche Treiben, und nichts ist langweiliger. Wenn Herbert Feuerstein "live, privat, kuschelig und direkt" (Ankündigung) aus seiner Kölner Dachwohnung "in die Welt" blickt und per Handy, Direktschaltung oder einfach nur durch seine Brillengläser auf den Vorplatz der St. Severinskirche oder in den Balkon gegenüber guckt und dabei nonstop quasselt, kommt nicht mal eine Vorform von Spannung auf. Alles, was sich mitteilt, ist leere Betriebsamkeit und peinliche Selbstfeier. Man sehnte sich geradezu nach dem sterilen Studio und einer professionell gestylten Show ohne Laien, Hunde und - Herbert Feuerstein.

Die Idee war wohl, eine (zweite) "lange Nacht" mit Feuerstein zu menscheln, Kölner Kiez-Mief inklusive, so wie auch "Gottschalks Hausparty" oder "Veronas Welt" so tun, als könnten und wollten die Zuschauer unbedingt bei ihren Lieblingsstars auf dem Sofa sitzen. Daß ein solches Bedürfnis existiere, ist eine Einbildung der Unterhaltungsredaktionen, denen ihre Quoten den Kopf verdrehen. Entertainer werden geschätzt, weil sie etwas leisten wie zum Beispiel Witze machen oder Leute interviewen, und nicht, weil sie in Wohnungen wohnen und Hunde halten.

Feuerstein mit Köter Billi und allerhand Nachbarn im Talk - daß das für eine ganze Nacht nicht reicht, hat man sich gedacht und dem Star eine Riege von Gästen beigegeben, darunter Reinhold Beckmann, Götz Alsmann und Dolly Buster.

Einige wurden ("ich finde das großartig!") in eine Fernsprechzelle gequetscht und mußten von da ihre musikalischen oder poetischen Grüße versenden. Auch sonst bewiesen die Fetische der Kommunikation, die hier Feuerstein mit der Welt vermitteln sollten, Telefone, Mikrofone und Schaltpulte, ihre mangelhafte optische Ausstrahlung. Ein Balkon wird eben nicht dadurch zum Schauplatz, daß man ihn verkabelt.

Und auch nicht dadurch, daß man live sendet - was mittlerweile eine Spielart des fernsehspezifischen Wichtigtuns ist. "Das Anregende bei live", sagt Feuerstein, "ist, daß es anfängt und aufhört und anfängt zu regnen und man nicht weiß, was man machen soll." Genau!