Freiburg im August: In den Gassen der Altstadt staut sich die Hitze, in den steinernen Wasserrinnen an den Straßenrändern rauscht es nur noch mit halber Kraft. Es wimmelt von Menschen, die sich um das alte Münster drängen.

Das aber thront unbeeindruckt mit all seinen Erkern und Wasserspeiern im Stadtzentrum und sieht gelassen dem täglichen Markttreiben zu.

Die ersten kommen vor Sonnenaufgang. Es ist kurz vor fünf die Stadt liegt noch in grauem Dämmerlicht. Ein paar Händler wuchten schon ihre Verkaufswagen an die angestammten Stellen. Der Platz ist rings von altertümelnden Häuserzeilen umgrenzt. Richtig dunkel wird es hier wohl nie einige Laternen leuchten die ganze Nacht hindurch und erlöschen erst gegen halb sechs.

Dennoch nimmt man jetzt die Gebäude noch als graue Klötze wahr, ohne ihre Farben zu unterscheiden. Historisch echt sind nur wenige der bunten Bauten: Der Luftangriff auf Freiburg am 27. November 1944 zerstörte die Häuserzeilen am Platz fast vollständig einzig das in seinen ältesten Teilen 800 Jahre alte Münster blieb wie durch ein Wunder verschont. Der Wiederaufbau imitiert die historische Bausubstanz so eindrucksvoll, daß man schon alte Photographien aus den Kriegsjahren zu Hilfe nehmen muß, um sich das Ausmaß der Zerstörung vor Augen zu halten.

Fabelwesen mit bizarren Grimassen Das Münster ist noch verschlossen, also setze ich mich an einen der Tische, die vor den Weinstuben und Kaffeehäusern stehen, und warte auf den Sonnenaufgang. Der kündigt sich mit Vogelgezwitscher an, das sich mit dem Rauschen der Bächle und dem Läuten der Münsterglocken mischt. Später kommen noch die Autos der anfahrenden Marktleute hinzu.

Um halb sechs wird es hell, und der Platz belebt sich. Zwischen den Pflastersteinen picken Tauben die Essensreste vom Vortag auf. Neben dem Seiteneingang des Münsters preßt sich ein Mann an die Mauer und betet laut vor sich hin. Als er sich beobachtet sieht, schweigt er verschreckt. Nach einer Weile beginnt er seine Litanei aufs neue. Die ersten Gläubigen treffen zur Frühmesse ein und verschwinden im mächtigen Gotteshaus. Draußen treten die Farben der Häuser allmählich deutlich hervor.

Auch die Wasserspeier auf dem Kirchendach heben sich gegen den blauen Himmel und die Schäfchenwolken ab: Fabelwesen mit bizarren Grimassen eines reckt dem Betrachter sein nacktes Hinterteil entgegen, aus dem sich bei Regen das abfließende Wasser ergießt. Ursprünglich galt diese Provokation nicht den Passanten, sondern der Freiburger Ritterschaft, deren damaliges Versammlungshaus genau in der Fließrichtung der Wasserrinne liegt.