Seit sieben Jahren brummt Amerikas Wirtschaft, Wachstumsraten von 4 oder 5 Prozent waren bis vor kurzem die Regel. Dem Aufschwung steht ein Rätsel gegenüber, das die ökonomische Zunft bis heute nicht lösen konnte: der geringe Anstieg der Produktivität in den Vereinigten Staaten. Ein Arbeiter erwirtschaftet kaum mehr als vor fünf Jahren. Weil Amerikas Produktivität zuletzt um nur jährlich 1,1 Prozent zulegte (in den siebziger Jahren waren es noch 2,3 Prozent), sind Löhne und Einkommen kaum gestiegen: die Kehrseite des Wirtschaftsbooms.

Um es gleich zu sagen: Auch Richard Lester, der Chef des Industrial Performance Center am Massachusetts Institute of Technology (MIT), kann das Produktivitätsgeheimnis nicht lösen. Sein Buch zeigt aber Wege, wie Unternehmen ihre Leistungskraft verbessern und damit auf Globalisierung und Vernetzung reagieren können.

Am Beispiel von fünf Branchen weist Lester nach, daß eine zentrale, tief verinnerlichte Unternehmensmission ebenso wichtig ist wie Produktideen und die ständige Bereitschaft zum radikalen Neuanfang. Amerikas Automobilindustrie veränderte die Organisation von Design und Produktionsprozessen und wurde damit wieder wettbewerbsfähig. Der Stahlsektor fand mit sogenannten Mini-Mills einen Weg aus der Krise

die Elektrizitätsbranche wurde durch die Öffnung ihres Marktes effizient und schlagkräftig. In der Telekommunikation war es Amerikas Unternehmergeist, der den Erfolg in neuen Sektoren - etwa bei der drahtlosen Kommunikation - begründete.

Zahlreiche Moden der Managementtheorie wie Downsizing, Reengeneering oder Outsourcing spielten dagegen nach Lesters Ansicht beim Comeback Amerikas nur eine untergeordnete Rolle. Ebenso nebensächlich seien Investitionen in Computer und andere High-Tech-Instrumente, die allenfalls Hilfsmittel zum Neubeginn sein könnten. Wesentlich, so der Autor, sind dagegen eine enge Verbindung zu Kunden und Lieferanten sowie Investments in "Ideen, Informationen und Fähigkeiten". Bildung, Fortbildung und Training müßten einen zentralen Platz in jedem Unternehmen haben, fordert Lester.

Angesichts des globalen Wettbewerbs um Märkte und Arbeitsplätze sei die früher übliche Verbundenheit zwischen Arbeitnehmer und Firma freilich nicht mehr haltbar. An ihre Stelle kann nach Meinung des Amerikaners aber eine gegenseitige Loyalität treten, die sich aus zwar vorübergehenden, aber nur gemeinsam zu bewältigenden Aufgaben speist. Weil es den lebenslangen Job nicht mehr gebe, müßten Bildung und soziale Sicherung "betriebsunabhängig" sein. Wie dies ohne staatliche Aufsicht bewerkstelligt werden kann, sagt der Autor nicht.

Unbefriedigend bleibt Lesters Versuch, Erfolgsrezepte von Unternehmen auf die Volkswirtschaft insgesamt zu projizieren - und damit doch noch den Ansatz für eine Lösung des Produktivitätsproblems zu finden. "Was wir brauchen", schreibt Lester, "ist eine schlüssige Vorstellung über die Rolle der Arbeit in der Gesellschaft." Wie diese aussehen könnte, darüber schweigt der MIT-Mann.