Neugier hat das Buch des Journalisten Roland Tichy schon vor seinem Erscheinen geweckt - Neugier auf das, was der SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder in der Wirtschafts- und Sozialpolitik wirklich will oder nicht will.

Denn ursprünglich hatte Schröder - mit Tichy als Ghostwriter - im Wahlkampf mit dem Werk seine Wirtschaftskompetenz demonstrieren wollen. Doch nach Fertigstellung des Manuskripts hatte der Kandidat seinen Namen zurückgezogen.

Um es gleich zu sagen: Über Schröders konkrete Ziele und Absichten erfährt man aus dem Buch nichts Neues. Über weite Strecken fragt sich der Leser, warum der SPD-Spitzenmann nicht als Autor erscheinen wollte. Die Sticheleien gegen den SPD-Parteichef Oskar Lafontaine und dessen Neokeynesianismus können kaum der Grund sein. Sie wären leicht zu redigieren gewesen, sofern Tichy sie nicht überhaupt erst nachträglich eingefügt hat. Mehr spricht für den Verdacht, daß die Aussagen dort, wo traditionelle sozialdemokratische Positionen in Frage gestellt werden, den Wahlkampfstrategen in Schröders Umgebung zu konkret waren - obwohl sie vermutlich Schröders Meinung wiedergeben.

Tichy (oder Schröder?) tritt für eine konsequente Modernisierung der Volkswirtschaft hin zur "Wissensgesellschaft" ein, will eine "machbare und realistische Technologie-, Innovations- und Zukunftsperspektive" aufzeigen.

Den Reiz des Buches macht aus, daß sich der Autor Tichy weder in eine parteipolitische noch wirtschaftstheoretische Schublade stecken läßt. Er ist kein Neoliberaler, kein Neoklassiker, kein Konservativer, aber eben auch kein Parteigänger der Sozialdemokraten. Er fällt ein vernichtendes Urteil über die Regierung Kohl, pflegt allerdings auch eigene Vorurteile, etwa über die "Alt-Achtundsechziger, die im rot-grünen Mainstream von heute oft den Ton angeben".

"Ab in die neue Mitte!", so der imperative Titel, ist eine konsequente Verteidigungsschrift für die Grundidee des Sozialstaats. Ebenso entschlossen plädiert Tichy aber für einschneidende Reformen in der sozialen Sicherung, um zu vermeiden, daß Solidarität zum "knappen Gut" wird. Wenig überzeugend wirkt er dagegen, wenn er gegen die Ökosteuer zu Felde zieht, auch wenn dies vielleicht im Sinne Schröders ist.

Angesichts der Tatsache, daß das Buch eigentlich für den Wahlkampf geplant war, ist es eine positive Überraschung. Tichy ist eine präzise Bestandsaufnahme der Schwächen und Mängel, aber auch der Stärken dieser Volkswirtschaft und Gesellschaft gelungen. Sein Buch nennt die Themen, über die sich ein Streit der Politiker gelohnt hätte und die viele Bürger jetzt im Wahlkampf vermissen.