Seltsam genug: Uns erreichte keine Meldung aus Moskau, die besagt, der einstige Dissident Fjodor Fjodorowitsch habe sich zu fortgeschrittener Stunde bei einem Gelage in dem exklusiven Nachtclub Kalter Stern plötzlich seinem Verhöroffizier Wladimir Wyshinsky gegenübergesehen, habe nach einer Sekunde des Zögerns dessen Leibwächter Gulenko die Pistole entrissen und seinen Peiniger wortlos über den Haufen geschossen.

Nichts da. In Rußland scheint es keine Henker und keine Opfer zu geben, keine Folterknechte und keine Märtyrer, keine KGB-Funktionäre und keine Gefangenen.

Die Millionen Deportierten, die in den Lagern des Gulag schmachteten, sie scheinen vom Erdboden vertilgt zu sein. Die noch leben, schweigen. Die hunderttausend Wächter, die sie in Schach hielten, schweigen erst recht. Kein Richter, der die Angeklagten ohne Beweise, ohne Zeugen, ohne Verteidiger für Jahrzehnte in die Eiswüsten des Nordens verbannte (und damit im Zweifelsfall dem Tod auslieferte), wurde zur Verantwortung gezogen. Keiner der belfernden Staatsanwälte wurde wegen Schändung des Rechtes und der Menschenwürde belangt. Wir wissen von keinem Prozeß gegen Bedienstete der Geheimpolizei. Zu uns drang keine Nachricht, daß ein Verfahren gegen Staatspsychiater eröffnet wurde, die in ihren Anstalten aufsässige Geister im Auftrag der Staats- und Parteikommandeure ruhigzustellen wußten, mit Schlägen, Elektroschocks, Spritzen oder Pillen, gleichviel. Wir hören nicht, daß sich einer der Gequälten auf die Spuren seines Schinders gesetzt hätte, um der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen.

Es gibt keine Vergangenheit - nicht im deutschen Verständnis des Wortes, das die zwölf Jahre des "Dritten Reiches" umschreibt. Der Stalinismus und sein lastendes Erbe, sie liegen wie eine bleierne Decke über dem Land: ein schwerer Teppich der stummen, der stumpfen Ergebung, der trostlosen Resignation. Die wenigen Stimmen, die das Schweigen zu brechen versuchen (wie die der Gruppe Memorial), versacken im wattierten Widerstand. Die Todesherrschaft des Roten Zaren ist das große Tabu, nach wie vor.

Kenner der Verhältnisse lassen uns wissen, daß eine Abrechnung zu viele Wunden aufrisse und das darbende Volk am Ende in einen Bürgerkrieg stürzen könne. Sie machen uns darauf aufmerksam, daß die alten Machtgefüge keineswegs völlig gesprengt seien, sondern in manchen Regionen und manchen Bezirken der Wirtschaft die Ordnung (und Unordnung) der Verhältnisse noch immer von den roten Baronen bestimmt würde. Die Neokommunisten, die in Wahrheit in der Mehrzahl Altkommunisten seien, hätten in der Duma und im Regionalrat das Sagen. Andere weisen darauf hin, das Land sei zu erschöpft und arm, seine Seele zu ausgelaugt, um sich eine Konfrontation mit den Verbrechen seiner "jüngsten Geschichte" (auch das ein deutscher Terminus) leisten zu können.

Das mag so sein. An uns ist es nicht, Steine nach Osten zu werfen. Wir schleppen schwer genug an der eigenen Last. Wir sind gestraft mit grindigen Geistern, die uns einreden wollen, Berlin brauche das Holocaustdenkmal nicht, weil es keine "Hauptstadt der Buße" sein wolle: Das windigste Argument in dieser miserablen und gespenstischen Debatte, die unsere eigenen Verlegenheiten auf solch fatale Weise zutage fördert.

Wir wissen sehr wohl, daß uns die Alliierten die erste Arbeit der Auseinandersetzung mit dem Nazismus abgenommen haben. Unserer Pflicht genügten wir allzu zögernd, angstvoll, die Peinlichkeit und die Mühe oft scheuend. Und dennoch verging seit dem Mai 1945 kein Tag, an dem wir nicht gezwungen waren, der Vergangenheit ins böse Gesicht zu sehen, ungern genug.