Entschuldigungen für eine mißglückte Äußerung erhalten Politiker nicht oft, schon garnicht in Wahlkampfzeiten. Bundesfinanzminister Theo Waigel konnte jetzt eine in Empfang nehmen. Sie kommt allerdings nicht aus dem Inland, sondern aus den Vereinigten Staaten. Der stellvertretende Exekutivdirektor des Internationalen Währungsfonds, Stanley Fischer, schrieb dem Minister, er bedauere, daß seine persönlichen Einschätzungen über die Entstehung der Krise in Rußland veröffentlicht worden seien. Er sei keinesfalls der Ansicht, daß die Bundesrepublik den Reformprozeß in Rußland zu wenig unterstützt und damit zur Verschärfung der wirtschaftlichen Probleme des Landes beigetragen habe.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hatte Fischer Ende August erklärt, die Lage sei unhaltbar geworden, "nachdem die G-7 Rußland nicht zu Hilfe eilten. Ich bin mir nicht sicher, ob Bundeskanzler Helmut Kohl sich nicht anders verhalten hätte, wenn die Wahlen erst in zwei Jahren und nicht in sechs Wochen stattfinden würden." Ohne die Deutschen aber sei auch kein anderes europäisches Land zu finanzieller Unterstützung Moskaus bereit gewesen.

Zerstritten Streiten will gelernt sein. Das bewiesen auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, und Walter Riester, der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende und mögliche kommende Arbeitsminister, sowie die Ökonomen Ulrich van Suntum (Uni Münster) und Heiner Flaßbeck (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW).

Riester und Hundt, die in der Sache oft genug über Kreuz liegen, setzten sich in der Sache hart, aber im Ton verbindlich auseinander. Der Gewerkschafter warf dem Arbeitgebervertreter vor, mit seinem Modell für einen Kombilohn letztlich nur die Senkung der Sozialhilfe zu verfolgen. Dagegen kritisierte Dieter Hundt die SPD-Forderungen nach Rücknahme einiger Reformen der Bundesregierung. Die Überlegungen für ein Bündnis für Arbeit bemängelte er, weil es unter diesen Vorzeichen keinen Erfolg haben werde. Der Arbeitgeberpräsident hütete sich aber als gewiefter Taktiker, der von der SPD geplanten Bündnisrunde eine völlige Absage zu erteilen und das Gespräch zu verweigern.

Nachholbedarf im gepflegten Streiten bewiesen dagegen Flaßbeck, der den SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine berät, und van Suntum, der eher der Politik der amtierenden Regierung zuneigt. Nachdem van Suntum suggeriert hatte, das DIW stehe mit seiner Kritik an einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik völlig allein, schlug Flaßbeck mit der Bemerkung zurück, van Suntum stamme zwar aus einem Arzthaushalt, habe aber offenbar nicht gut aufgepaßt, weil er sonst wüßte, daß kein Arzt eine gescheiterte Therapie unverdrossen fortführe.

Das reizte van Suntum zu einem Hieb mit dem groben Säbel: Flaßbeck habe die wirtschaftspolitische Debatte der vergangenen zwanzig Jahre verschlafen und könne seinen Ausführungen wohl nicht ganz folgen, weswegen er ihm einen Tip gebe "wo Sie das nachlesen können". Die erprobten Streithähne Riester und Hundt waren sichtlich verblüfft.