Für eine panische Reaktion der Notenbanken in Europa und insbesondere der Deutschen Bundesbank auf die Finanzkrisen in Ostasien, Rußland und Lateinamerika gibt es wahrlich keinen Anlaß. Aber man muß auch nicht an eine unmittelbar drohende Weltwirtschaftskrise mit katastrophalen Folgen für Wachstum und Beschäftigung hierzulande glauben, um jetzt von der Bundesbank eine spürbare Zinssenkung zu fordern. Mit einem solchen Signal könnte die Frankfurter Zentralbank in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung die konjunkturelle Erholung in der deutschen Wirtschaft absichern und die Auftriebskräfte stärken.

Zwar ist klar, daß sich die heftigen Turbulenzen an den fernen Aktien- und Devisenmärkten wegen der relativ geringen Außenhandelsverflechtungen nur in sehr begrenztem Maße auf die Realwirtschaft in der Bundesrepublik auswirken werden (siehe ZEIT Nr. 37/98). Und sicher hat Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer recht, wenn er "derzeit keine weltwirtschaftliche Depression am Himmel" heraufziehen sieht. Aber rechtfertigt diese beruhigende Prognose eine völlige Abstinenz der deutschen Zentralbanker in der Zinspolitik?

Es scheint so, daß der Amerikaner Alan Greenspan - wieder einmal - den Deutschen vormacht, wie ein Notenbankchef mit Fingerspitzengefühl auf neue Entwicklungen reagiert. Noch bis vor kurzem eher im Verdacht, aufkeimende Inflationsgefahren in den Vereinigten Staaten mit einer Zinserhöhung bekämpfen zu wollen, signalisierte Greenspan Ende vergangener Woche der Wirtschaft einen Stimmungsumschwung. Der zuständige Notenbankausschuß werde "sorgfältig jede Zuspitzung der Lage prüfen", erklärte er, denn: "Es ist unwahrscheinlich, daß die USA eine Oase der Prosperität in einer Welt bleiben, die gegenwärtig einem zunehmenden Streß ausgesetzt ist."

Die Analyse der Krisenfolgen, die in den Vereinigten Staaten gilt, ist auch in Europa und in der Bundesrepublik nicht verkehrt. Daran ändern auch die unterschiedlichen Konjunkturzyklen nichts während die USA nach acht Jahren kräftigen Wachstums bescheidenere Zuwachsraten erwarten, sind die Kernländer der Europäischen Währungsunion noch dabei, sich aus dem Tief herauszuarbeiten.

Der Aufschwung in der deutschen Wirtschaft ist nicht so kräftig und so robust, wie jetzt die wahlkämpfenden Regierungspolitiker glauben machen wollen. Sicher, Rationalisierungserfolge und Lohnzurückhaltung haben die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen verbessert. Inzwischen wird die Konjunktur auch nicht mehr allein von der expandierenden Ausfuhr getragen, in den Betrieben wird jetzt wieder mehr investiert. Doch noch ist die Investitionstätigkeit bescheidener, als sich viele erhofft hatten. Und der private Verbrauch fällt noch auf absehbare Zeit als Konjunkturstütze aus, weil Löhne und Gehälter nach wie vor nicht üppiger sprudeln. Wie labil der Aufschwung ist, belegt auch der jüngste Rückgang des Handelsblatt-Frühindikators, der alle wichtigen Konjunkturdaten berücksichtigt.

Als indirekte Folge der Turbulenzen in vielen Teilen der Welt ist nun für die deutsche Wirtschaft ein neues Risiko hinzugekommen: die Schwäche des amerikanischen Dollar. Innerhalb weniger Tage verlor die US-Währung gegenüber der Mark mehr als fünf Prozent ihres Wertes. Und durch die Worte Greenspans, die in absehbarer Zeit auf eine Zinssenkung in den USA hindeuten, erhielt der Dollar noch einen zusätzlichen Dämpfer an den Devisenmärkten. Dadurch verteuern sich deutsche Produkte in vielen Ländern. So wie der starke Dollar geholfen hatte, den Export der Bundesrepublik anzukurbeln, so könnte ein schwacher Dollar jetzt das Gegenteil bewirken. Doch die De-facto-Aufwertung der Mark gegenüber dem Dollar muß die Bundesbank nicht tatenlos hinnehmen - wenn sie von ihrem immer wieder verkündeten Grundsatz abweicht, den Wechselkurs der Mark nicht über die Zinsen steuern zu wollen. Mit einer Senkung der kurzfristigen Zinsen könnte sie den alten Wechselkurs der Mark gegenüber dem Dollar am ehesten wiederherstellen und so Gefahren für den deutschen Außenhandel abwenden.

Schon in der Vergangenheit hatte es die Bundesbank allerdings stets abgelehnt, im Interesse verbesserter Wachstumschancen und neuer Arbeitsplätze die Zinsen herabzusetzen. Ihre Aufgabe sei, so lautete die Standardauskunft, die Sicherung der Währung und die Wahrung der Preisstabilität, nicht aber die Steuerung der Konjunktur.