Demokratie lebt vom Wechsel. "Stimmt", sagt der Mann, dessen Partei seit 36 Jahren mit absoluter Mehrheit regiert, blickt über seine wasserblauen Gläser und läßt das Paradox einen Moment lang wirken. Dann löst er das Rätsel: "Der Wechsel muß ja nicht unbedingt zwischen Parteien stattfinden", erklärt er und zitiert die Ahnengalerie seiner Vorgänger: Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Max Streibl und jetzt eben er selbst, Edmund Stoiber, Ministerpräsident von Bayern seit 1993. Wenn das kein Wechsel ist!

"Wir erneuern uns selbst, sonst werden wir erneuert", sagt der Ministerpräsident. Die Drohung klingt ernst und dabei doch ganz hypothetisch.

Denn daß bei den bayerischen Landtagswahlen am 13. September die Wähler den Wechsel erzwingen wollen, kann er sich wirklich nicht vorstellen. Selbst ein Ergebnis von 46 oder 47 Prozent (1994: 52,8) würde seiner Partei ziemlich sicher die Mehrheit im Landtag eintragen. Allein zu regieren, ohne Rücksicht auf einen Koalitionspartner, darin liegt das selbstverständliche Ziel der CSU. Es ist zugleich ihr Existenzminimum. Darüber ist stolze Normalität, gleich darunter begänne das Desaster, das Ende ihrer Sonderrolle in Bayern und im Bund.

Weil beides, Erfolg und Absturz, so dicht beieinander liegt, hat die Partei ihr Wahlziel etwas höher angesetzt, auf "50 plus x" Prozent der Wählerstimmen. Das schafft ein wenig Spielraum - und symbolische Dramatisierung. Die soll verhindern, daß die Partei - aus Zufall oder aus Langeweile ihrer Anhänger - doch einmal die Alleinregierung verpaßt. Aber alle Hoffnungen der Union gehen in die andere Richtung: Triumph in Bayern.

Das wäre dann, sagt Edmund Stoiber, die "Steilvorlage für Bonn".

Das Verhältnis zwischen den bayerischen Wählern und der CSU hat etwas Unverbrüchliches. So eng sind im Bewußtsein seiner Bürger das Land und die Staatspartei miteinander verwoben, daß sich selbst Spitzenpolitiker der CSU den Hinweis erlauben, es handele sich dabei nicht um eine natürliche Symbiose, sondern um "einen genialen Schachzug aus den 70er Jahren", mit dem die Partei ihrer Herrschaft eine quasi selbtverständliche Legitimation verschafft habe.

Wie auch immer, es funktioniert: Neuschwanstein, die Zugspitze, der Chiemsee, High-Tech, niedrige Arbeitslosenraten und überdurchschnittliche Investitionen - in den Wahlreden der CSU-Politiker verschmilzt das alles zum liebenswerten Standort Bayern, einer weltweit konkurrenzfähigen Idylle, für deren Traditionen und Zukunftschancen allein die CSU Sorge trägt.