die zeit: Herr Präsident, jahrzehntelang galt Indien - das Land Gandhis und Nehrus - als moralische Großmacht. Seit den Atomwaffenversuchen im Mai ist aus Delhi immer öfter zu hören, es sei nun ein normales Land, das sich fortan dem Argument der Macht anvertraue, nicht länger der Macht des Arguments. Hat die Welt es mit einem neuen Indien zu tun?

Kocheril Raman Narayanan: Nein. Die Antwort lautet nein. Ein neues Indien gibt es nur in dem Sinne, daß wir unserem nationalen Dasein eine weitere Dimension hinzugefügt haben.

Im übrigen haben wir uns nie allen anderen in der Welt moralisch überlegen gefühlt. Wir haben von Gandhi gewisse Ideen übernommen, gewisse Lebensauffassungen, gewisse moralische Prinzipien. Aber wir sind nicht wie er. Unserer menschlichen Schwächen und Unvollkommenheiten sind wir uns stets bewußt geblieben. Dennoch hat Indien versucht, in die Richtung zu gehen, die Gandhi uns gewiesen hat. Bei dieser Richtung bleibt es auch nach den Atomversuchen. Gandhi war ja nicht nur gegen Kernwaffen, er war gegen alle Waffen, gegen alle Gewalt.

zeit: Kann Indien die Welt davon überzeugen, daß Atomwaffen und moralische Prinzipien miteinander vereinbar sind?

Narayanan: Wir wollen der Welt nicht einreden, Atomwaffen wären moralische Waffen. Wir haben uns stets für Abrüstung eingesetzt, haben überhaupt als erster Staat Einwände gegen nukleare Waffen angemeldet. Mit den Atomtests von 1974, die keine Waffentests waren, haben wir unsere Möglichkeiten demonstriert. Aber wir haben danach keine Atomwaffen entwickelt, sondern uns innerhalb und außerhalb der Vereinten Nationen bemüht, auf nukleare Abrüstung hinzuwirken - vergebens. Dabei ist uns aufgegangen, daß wir ohne eigene Atomwaffen nicht einmal bei der nuklearen Abrüstung etwas zu melden haben würden. Auch gibt es längst andere Nuklearwaffen in der Region - im Norden wie im Westen. Und die Meere rund um uns wimmeln von Atom-U-Booten. Außerdem haben die Kernwaffenstaaten, die Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrages sind, selber unter der Hand Atomwaffentechnologie an Dritte weitergegeben.

Die indische Regierung, die für 970 Millionen Menschen verantwortlich ist, mußte einfach darüber nachdenken, wie es ihnen Sicherheit verschaffen kann.

zeit: Indien ist seit langem der größte Einzelempfänger deutscher Entwicklungshilfe - insgesamt hat es seit 1958 rund 16 Milliarden Mark erhalten. Im Augenblick sind die Gespräche über weitere Entwicklungshilfe unterbrochen. Wie ist dem Mann auf der Straße bei uns begreiflich zu machen, daß er mit seinen Steuern weiter Hilfe für ein armes Land bezahlen soll, das erhebliche Summen für sein Atomwaffenarsenal ausgibt?