Seit zwei Jahren sucht Domingo Cavallo einen Job, der seinem Ehrgeiz entspricht, noch einmal der Welt zu demonstrieren, was ihm als Wirtschaftsminister in Argentinien gelang, nämlich eine kaputte Volkswirtschaft zu sanieren. Deshalb ist der 52jährige Ökonom mit dem Harvard-Diplom dem Ruf nach Moskau gefolgt, um Tips zur Rettung zu geben.

In seiner Heimat hatte der Glatzkopf aus Córdoba einen legendären Ruf genossen, man nannte ihn den Ludwig Erhard Argentiniens. Als Präsident Carlos Menem ihn, den Außenminister, 1991 mit dem Wirtschaftsressort betraute, hatten bereits drei Vorgänger das Handtuch geworfen. Argentinien schien ein hoffnungsloser Fall: zerrüttete Staatsfinanzen, verrottete Fabriken und eine Inflation, die mit zehn Prozent pro Tag galoppierte. Die wohlhabenden Argentinier hatten ihr Vermögen in der Schweiz gebunkert, das Land besaß keine Kreditwürdigkeit mehr.

Die Roßkur, die Cavallo mit seinem Think Tank in der Mediterranea-Stiftung ausgearbeitet hatte, bestand darin, die argentinische Währung an den nordamerikanischen Dollar zu fesseln. Für jeden Peso im Wirtschaftskreislauf mußte ein Dollar Deckung vorhanden sein. "Konvertierbarkeit" nannte Cavallo die Dollarisierung der Wirtschaft. Die Notenpresse wurde stillgelegt, der Staat zur eisernen Sparsamkeit verpflichtet, seine unrentablen Betriebe meistbietend versteigert.

Die Währungsreform verursachte, wie 1948 in Deutschland, eine Initialzündung für die Wirtschaft - freilich mit enormen sozialen Kosten, denn Hunderttausende, die bei den Staatsunternehmen untergekommen waren, wurden nun nicht mehr gebraucht. Diese dunkle Seite des "argentinischen Wirtschaftswunders" machte Cavallo bei den Peronisten langsam zum meistgehaßten Mann. Doch Carlos Menem hielt die Hand so lange über ihn, bis Domingo Cavallo eigenen politischen Ehrgeiz entwickelte. Das Tandem von populistischem Charisma (Menem) und kalter Rationalität (Cavallo) kam ins Schleudern. Überdies hatte sich die ökonomische Lage Argentiniens gründlich verbessert, Menem brauchte den "Techniker" nicht mehr und schickte ihn gnadenlos in die Wüste.

Alle Versuche von Domingo Cavallo, sein altes Ansehen politisch zu verzinsen, schlugen fehl. Schließlich nahm er einen Beraterposten in Quito an

er sollte dort das gleiche Wunder wie in Buenos Aires vollführen. Einige Wochen später wurde sein Auftraggeber, Präsident Abdala Bucaram, wegen "geistiger Unzurechnungsfähigkeit" aus dem Amt gejagt und ins Exil getrieben. Domingo Cavallo ward, nach kleinlichem Streit um sein Honorar, nicht mehr gesehen.

Als Cavallo seine historische Chance in Argentinien bekam, verfügte sein Patron Carlos Menem über eine fast absolute Autorität im Lande. Das kann man von Boris Jelzin nicht behaupten. Und krisenfest ist das argentinische Modell außerdem nicht - das Land kämpft derzeit selbst auch wieder gegen den wirtschaftlichen Absturz.