Sünde! Beichte. Vergebung? Reverend Calvin Butts predigte in dieser Woche über ein ganz besonderes Thema: Über König David und dessen sexuelle Eskapaden mit der schönen Bathseba. "Er besaß alles und vergaß Gott." Und dann sagte der Reverend der New Yorker Baptistengemeinde noch: "Der Präsident hat gezeigt, daß er unseren Respekt, unsere Liebe und sicher auch unsere Vergebung verdient hat."

Genau darum hatte Präsident Bill Clinton zuvor gebeten - beim Andachts-Frühstück des Weißen Hauses. Er zitierte aus dem Neuen Testament und der Jom-Kippur-Liturgie. Er spielte auf Psalm 51 der Bibel an, in dem König David seinen Gott um Vergebung bittet. Und er bat um die Vergebung seiner Sünden, bei seinem Kabinett, seiner Familie, seinem Volk. "Ich glaube nicht, daß es eine schicke Art und Weise gibt, sich als Sünder zu outen", sagt Clinton bei einem anderen öffentlichen Bußgang. Und zögerlich lächelnd bekannte er, langsam zum Experten im Bitten um Vergebung zu werden. "Es wird ein bißchen leichter, wenn man es häufiger tut."

Nicht nur in den Kirchen, auch im Kongreß, auf Wahlveranstaltungen, bei den im Fernsehen so beliebten Straßenumfragen, in Zeitungen und Talk-Shows wird über Sünde und Sühne diskutiert, über Erbarmen und Verzeihen. Clinton solle seine Anwälte feuern und dem amerikanischen Volk endlich "beichten", fordert der demokratische Senator Thomas Daschle - einer der wenigen, die derzeit öffentlich mit dem Präsidenten auftreten. Andere stimmen ein. Zur besten Sendezeit lädt der Bürgerrechtler Jesse Jackson, einer der treuesten Freunde des Präsidenten, das Oberhaupt der National Cathedral zum Gespräch, und beide bedauern aufs tiefste, daß nun über "die Seele Amerikas" zu Gericht gesessen werde, keiner spricht über politische Fehler oder gar über ein strafbares Verhalten des Präsidenten. Es geht allein um das Thema Sünde, und Jesse Jackson lobt mit großem Nachdruck Bill Clintons öffentliche Kanossagänge.

Auch die Kritiker des Präsidenten bekämpfen ihn längst nicht mehr politisch. Niemand redet über Clintons Appell, gemeinsam die Krise der globalen Ökonomie zu bekämpfen, keiner antwortet auf seine Versuche, Geld für den IWF aufzutreiben. Keiner sagt mehr etwas zur Verwendung des Haushaltsüberschusses. "Hat Clinton noch die Integrität und die moralische Glaubwürdigkeit, um Präsident zu sein?" fragen vielmehr die Moderatoren der Sendung meet the press. Und keiner lacht. Niemand sagt, das war doch nur eine unfeine Affäre. Eine Kavalierslüge. Wir leben doch im 20. Jahrhundert.

"Wo sind all die Helden hin", sinniert zweifelnd der hoch respektierte demokratische Senator Rob Byrd und trifft damit wohl am besten die melancholische Stimmung einer Nation im moralischen Ausnahmezustand. Es ist, als ob dieses Amerika aus einem Kindheitstraum erwacht. Es gibt ihn eben doch nicht, den moralischen, anständigen Führer, der in Washington weise über sein Volk wacht. Vorbei der Traum. Präsident und Präsidentschaft, das Weiße Haus und das wichtigste Büro der Nation, das Oval Office, sind entzaubert und entehrt. Helden gibt es nur noch im Baseball, wo Mark McGwire und Sammy Sosa sich freundschaftlich mit Rekorden überbieten. 62 Homeruns haben beide bisher geschafft, ohne böse Konkurrenz, nur mit freundschaftlichem Ehrgeiz. Das sind Helden. Im Weißen Haus steht nur noch ein 52jähriger Filou, von dem die Mehrheit glaubt, er habe nach Strich und Faden betrogen und gelogen. Und nun?

Nun braucht es eben Beistand jenseits der Politik. Ein Ereignis, das viele nicht mehr mit politischen Kategorien fassen können, scheint Richter anderer Art zu erfordern. Einem Kenneth Starr, dessen manische Suche nach Fehlern die Nation fasziniert und gleichzeitig empört, traut man ein gerechtes Urteil nicht zu. Ebensowenig dem Mehrheitsführer der Republikaner, Newt Gingrich. Auch er ist wie viele seiner Kollegen nicht moralisch unfehlbar. Da werden lieber die geistlichen Oberhäupter der Nation zu dem Drama befragt. Das religiöse Amerika (und das wächst stetig) notiert, daß der Reverend aus Clintons Heimatgemeinde in Little Rock den Rücktritt des Präsidenten fordert, und es beäugt die neuen Berater des Präsidenten, allesamt liberale Geister. Einer von ihnen hatte einst selber eine außereheliche Beziehung eingestehen müssen und daraus ein Buch gemacht. Der Titel: Repairing Your Broken World . Der Präsident soll es zweimal gelesen haben.

Ob es am religiösen Beistand liegt? Fakt ist: Die Liebesaffäre zwischen dem Volk und seinem Präsidenten ist zwar merklich abgekühlt, der Seitensprung und all die Vertuschungsmanöver haben Clintons Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttert. Doch immer noch halten die Amerikaner Clinton die Treue, vorrangig weil sie in ihm immer noch einen guten Manager sehen. Es scheint, als würden die Bürger langsam merken, daß sie auch ohne einen moralisch integren Führer leben können.