Es geschieht am Vormittag des 26. September 1997. Ein zweiter Erdstoß erschüttert Teile Umbriens. Sergio Fosetti wischt sich den Schutt ab. Er hat ein paar angeknackste Rippen. Doch bereits am nächsten Tag geht er wieder an die Arbeit. Seit 25 Jahren kümmert sich Sergio Fosetti um die Restaurierungen in Assisis berühmtestem Gotteshaus, der Kirche des heiligen Franziskus. Jetzt gibt es soviel zu tun wie noch nie.

Aus über 20 Meter Höhe waren Gewölbeteile heruntergekracht, vier Menschen in den Trümmern gestorben. Vom Altar blieb nur ein Stumpf. Die Oberkirche der doppelstöckigen Basilika mit ihren weltbekannten Fresken von Giotto und Cimabue mußte schließen.

Assisi in diesem Sommer. "Wir sind am Boden", klagt in einem der vielen Souvenirläden nahe der bombastischen Basilika die Verkäuferin. Sie muß sich mit achtzig Prozent Umsatzrückgang abfinden. Wo sich sonst die Pilgergruppen stauen, geht es jetzt geruhsam zu. In der Kirche Santa Chiara keine Menschentrauben vor dem Sarg der heiligen Klara, kein Gedränge vor dem Kreuz, das zu Franziskus gesprochen haben soll. Selbst in der Unterkirche der Basilika des Heiligen, die bald nach dem Beben wieder offenstand, lassen sich die Fresken mit Muße betrachten, die Erinnerungsstücke an den poverello , der Armut und Nächstenliebe lebte.

Die Zeit drängt. Wenn zum heiligen Jahr 2000 die Pilgerscharen nach Italien strömen, muß die Basilika zugänglich sein - eine große Messe am Weihnachtsabend 1999 soll die Ouvertüre sein. Rund 60 Menschen, davon allein 27 Restauratoren, sind damit beschäftigt, die Schäden zu beheben. Hoch oben unterm Dach auf dem gewaltigen, den ganzen Kircheninnenraum umfassenden Gerüst erkennt man deutlich die Risse. Kleine blaue Plastikschläuche ragen aus dem Putz. Dorthinein wird eine Masse aus Sand, Kalk und Marmorstaub gefüllt, um die Löcher im Mauerinnern zu stopfen. An anderer Stelle rücken junge Restauratorinnen mit Spritzen an, um Fresken vor dem Absturz zu sichern. Auf den luftigen Plattformen herrscht Hochbetrieb.

Zuerst allerdings mußten 12000 Tonnen Schutt beiseite geräumt werden, der aus dem Kirchenhimmel gefallen war. Er hat die Fresken in dichten Staub gehüllt. Was aus den Trümmersplittern der heruntergebrochenen Teile wird, ist noch ungewiß. Kann man sie zu 30 bis 40 Prozent zusammensetzen, kommen sie wieder an die Decke, aber das wird alles erst nach dem Jahr 2000 entschieden, erzählt Chefrestaurator Fosetti gelassen. Schon einmal hat er mit seiner Firma die Fresken wieder auf Glanz gebracht. Das hat mehr als zehn Jahre gedauert, und das Geld floß, anders als jetzt, langsam. Alles Routine, sagt der Mann mit den ersten grauen Strähnen, der eher aussieht wie ein Künstler. Nein, Angst habe er nicht. Aber bevor das Gerüst endgültig stand, zitterte er aus Furcht vor jeder kleinsten Erdbewegung. Hätte das Beben nur vier Sekunden länger gedauert, wäre das ganze Gewölbe zusammengebrochen, mutmaßt er. 5000 Quadratmeter Fresken bedeckten die Basilika, 200 sind herabgestürzt, ein Fünftel davon wertvoll verziert.

"Um Himmels willen, erwähnen Sie nur nicht das Erdbeben!" fleht zwischen Verzweiflung und Wut der Tourismusdirektor Umbriens. Einmal müsse Schluß sein. Die Berichterstattung, selbst die gutgemeinte, hätte schlimme Folgen für den Tourismus gehabt.

"Ich nenne nur ein Beispiel", sagt Novella Bernardini, die junge Frau an der Rezeption der "Locanda della Posta" in Perugia, eines ehrwürdigen Hotels, das wie ein kleiner Palazzo wirkt. "Sonst schicken wir zu Ostern unsere Gäste bis zu 40 Kilometer weit weg. In diesem Jahr waren nur 10 unserer 40 Zimmer belegt." Vor allem die Italiener mieden die heimische Region, die wie kaum eine andere Natur und 3000 Jahre Kultur, Religion und Kunst, Brauchtum und Handwerk miteinander verbindet. Aber auch die Zahl der deutschen Touristen sank. Nun bleibt nur die Hoffnung, daß es in der zweiten Hochsaison, im September und Oktober, wieder aufwärtsgeht.