Bonn

Virtuelle Amtsinhaber.Oft vergißt man in diesen Tagen, daß Gerhard Schröder noch gar kein Bundeskanzler ist. So souverän spricht der Kandidat über das Kommende und so selbstverständlich präsentiert er sich in der Rolle, für die er erst noch engagiert werden muß. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch den Kanzler selbst, dessen Auftritte - bei aller Siegeszuversicht - wie Vorboten des nahen Abschieds wirken.

Im Grunde erscheint ihm die Wahl nur noch als notarielle Bestätigung des Amtes, in dem er sich schon heimisch fühlt.

Der starke Eindruck, den der Kandidat erweckt, hier werde das Vorspiel zum Wechsel gegeben, unterscheidet den Bundestagswahlkampf von seinen Vorläufern. Die früheren Herausforderer Kohls hatten nichts Herausforderndes. Und wo sie sich einmal im Habitus des künftigen Kanzlers versuchten, sah es gezwungen aus und betonte gerade diese Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Schröder verwischt die Differenz. Das ist Wahlkampfkunst.

Die Kunst hat freilich ihre Tücken. Aber die Balance zwischen Souveränität und Anmaßung fällt Schröder sichtlich schwer. Beiläufig eingestreute Demutsgesten - "falls der Wähler so entscheidet" - helfen nicht wirklich. Manche Wähler werden es nicht schätzen, daß Schröder wirkt, als habe er schon gewonnen.

Bayerische Irritationen. Endlich wieder eine Landtagswahl, nach der Helmut Kohl behaupten kann, sie habe eine "ganz klare" bundespolitische Bedeutung. Nach den Wahlen in Niedersachsen, wo Schröder triumphierte, und in Sachsen-Anhalt, wo die Union ins Bodenlose stürzte, war das nicht so.

Immerhin kann Kohl die SPD diesmal als Zeugin benennen. Sie war es, die mit der Gleichung "CSU = Kohl" die Bayernwahl zur Vorentscheidung für Bonn stilisierte. Nachher buchten die Sozialdemokraten die Verteidigung der absoluten CSU-Mehrheit ganz allein auf das Konto Edmund Stoibers: Daß so ein großartiger Ministerpräsident einen so tollen Wahlsieg landen mußte, gilt der SPD plötzlich als ein Ereignis von großer Selbstverständlichkeit.