Wann führen wir wieder die Talare ein?" fragt ein Alt-68er nach der prunkvollen Abschlußfeier seines Sohnes den Rektor der Freiburger Universität, Wolfgang Jäger. Wer glaubt, das sei ironisch gemeint, täuscht sich. Der Mann ist ehrlich begeistert, und Magnifizenz ist gerührt. "Dieser Tag der Ehrungen und Auszeichnungen stärkt die Identität unserer Universität", sagt Rektor Jäger.

Das soll auch der von ihm gegründete Ehemaligen-Club. Die Gemeinschaft ehemaliger Studenten in Freiburg zählt bereits 400 Mitglieder. Vor wenigen Wochen hatte die Universität zu einer ersten Wiedersehensparty geladen. 17000 der auf der ganzen Welt verstreut lebenden Ex-Studiosi konnten ausfindig gemacht werden, 900 kamen zum Treffen.

Vorbild sind die Netzwerke von Alumnen (Zöglingen), die in den USA eine lange Tradition haben. Dort halten die Absolventen ihren Universitäten oft ein Leben lang die Treue. Mit Mitgliedsbeiträgen und generösen Spenden finanzieren sie Bibliotheken, Studentenwohnheime oder ermöglichen Stipendien. Aber was noch wichtiger ist: Das old boys network und nicht zu vergessen das old girls network der exklusiven Frauen-Colleges helfen dem akademischen Nachwuchs bei seinen Karrieren. Die Männer und Frauen, selbst längst in den Chefetagen etabliert, vergeben Praktika und Stellen oder nehmen sich gar die Zeit, Absolventen ihrer alten Universität auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten. Auch als Lobbyisten ihrer Alma mater in Politik und Wirtschaft sind sie unentbehrlich.

Davon träumt auch Rektor Jäger im Breisgau. "In einer Zeit, wo das Ansehen der Unis in der Gesellschaft nicht besonders hoch ist, muß man eine Lobby schaffen." Hinter jedem alten Herren sieht seine Universität einen potentiellen Gönner und vielleicht sogar Geldgeber. Bei konkreten Projekten könnten Alumnen eine "echte Zusatzfinanzierung bieten", hofft Jäger. "Sie müssen sich nur mal überlegen, wie leicht ihnen die in Harvard einen 100-Millionen-Dollar-Bau bezahlen." Für die berühmte Westküsten Universität Berkeley spendeten die Alumnen Millionenbeträge, nachdem die Regierung Mittel gekürzt hatte. Und in England gehen erstaunlich viele Erbschaften an die ehemalige Universität des Verstorbenen. Letztes Jahr nutzte Jäger eine Asienreise, um die ersten Alumnen-Clubs in Japan und Korea zu gründen. Derweil organisierte sein Pressechef Rudolf-Werner Dreier Expertenbörsen und vermittelte Gesprächspartner aus Forschung und Lehre.

Künftig werden Alumnen die Möglichkeit erhalten, sich und ihr Unternehmen beim jährlichen Berufs-Info-Markt zu präsentieren. Wenn dabei Praktika oder gar Jobs für die Studenten herausspringen, ist das Ziel erreicht. Denn aus zufriedenen Studenten werden auch zufriedene Ehemalige. Außerdem trifft sich Dreier mit Kollegen anderer europäischer Universitäten, um von deren Erfahrungen zu profitieren. Von ihnen hat er gelernt, daß friend raising vor fund raising kommt. Und ganz entscheidend: Das Unternehmen Universität braucht ein Corporate design und eine Corporate identity.

An der wird in Freiburg hart gearbeitet. Die Neuimmatrikulierten einzuführen, überläßt Jäger nicht mehr den einzelnen Fakultäten. Der Rektor hat diese Aufgabe kurzerhand zur Chefsache erklärt. Er legte seine Amtskette um und lud in diesem Jahr die Erstsemester samt ihren Eltern zu Kaffee und Kuchen. "Ein voller Erfolg", freut sich der Rektor. "Auch Rituale und Symbole binden an Institutionen", sagt Jäger und plant feierliche Graduierten- und Promovenden-Feiern. Auf einem postmodernen Metallmast flattert längst wieder die Fahne mit dem Universitätswappen im Wind. Und wer sich mit Sweatshirts, Krawatten und edlem Schreibgerät zu seiner Universität bekennen möchte, findet im Freiburger Uni Shop eine große Auswahl an akademischen Devotionalien, Hauptsache, es bringt die Identitätsstiftung voran.

Doch der Alumnen-Gedanke lebt vor allem von der intellektuellen und menschlichen Nähe zwischen Lehrenden und Lernenden während des Studiums. Und nicht zuletzt von dem Impuls, etwas zurückzugeben, wovon man in der Ausbildung profitiert hat. Aber wofür sollen deutsche Studenten dankbar sein? Für überfüllte Vorlesungen und lückenhafte Bibliotheken? Die meisten sind froh, der Universität nach ihrem Studium den Rücken kehren zu können. Diese Unzufriedenheit hat Tradition. Denn an Betreuung fehlt es nicht erst seit heute.