Die frühe Niederlage bei der Fußballweltmeisterschaft hat das Dilemma des deutschen Profifußballs offenbart: Die Spieler sind zu alt, der Nachwuchs fehlt, Konzepte gibt es so gut wie keine, zumindest nicht in der Umgebung des zurückgetretenen Bundestrainers. Aber es gibt ja noch andere, die etwas vom Fußball verstehen. Einer von ihnen ist Jürgen Glowacz, 43, Exfußballstar des 1. FC Köln und seit vier Jahren Betreiber der 1. Jugend-Fußball-Schule Köln. In verschiedenen Kursen werden dort talentierte Kinder und Jugendliche nachmittags in der Lieblingssportart der Deutschen ausgebildet. Jetzt geht Glowacz mit seinem Partner Klaus Pabst noch einen Schritt weiter: Anfang September ist das Fußball-Internat Köln mit 13 Fünftkläßlern aus Köln und Leverkusen eröffnet worden.

"Im Alter zwischen 10 und 14 Jahren fällt die Entscheidung, ob aus einem Jungen ein guter Fußballer wird oder nicht", sagt Glowacz. "Gerade in diesem Alter gibt es ein unerhörtes Potential an Talenten. Aber wenn man nach ein paar Jahren fragt: ,Wo sind die eigentlich alle geblieben?', dann sind nur noch ganz wenige übrig." Die Erklärung ist für den Vater dreier Kinder einfach: Häufig komme es zu einem Konflikt zwischen Schule und Fußball, der von den Eltern meist zugunsten der Schule gelöst wird. Oder die Kinder wenden sich, sprunghaft wechselnd, verschiedenen Fun-Sportarten zu, ohne ihre eigentlichen Talente weiter auszubilden. Hinzu kämen die starke Ablenkung durch die elektronischen Medien und nicht zuletzt Pubertätsprobleme.

"Mit 16 ist manch einer für den Fußball schon verdorben"

Daß mit dem Wort "Internat" ungute Erinnerungen an die Sport-Kaderschulen des Ostblocks, an Drill und Doping aufkommen, ist dem ehemaligen Mittelfeldspieler Glowacz (253 Bundesligaspiele, 36 Tore) durchaus bewußt, aber seine Schule soll anders sein. Zum einen handelt es sich um ein Tagesinternat, zum anderen zählt in der Schule nicht nur der Fußball. "Sicher wollen wir auch eine sportliche Elite heranbilden", sagt Glowacz, "aber wenn jemand mit 16 oder 18 Jahren aufhört, dann geben wir uns auch damit zufrieden, daß wir ihn gut durch die Schulzeit gebracht haben, ohne daß es zu einem Konflikt zwischen Fußball und Schule gekommen ist." Die Internatsgebühren betragen monatlich 300 Mark, ein Preis, in dem außer der sportlichen und schulischen Betreuung auch Essen, Fahrten und Fußballkleidung enthalten sind. Ermöglicht wird dies durch einen Förderverein, viele Sponsoren und die geschickte Ausnutzung von Fördermöglichkeiten. So werden die Busse von einem ansässigen Autohaus zur Verfügung gestellt, ein Vitaminhersteller fördert das Internat, die Stadt Köln stellt die Räume zur Verfügung, und das Arbeitsamt schuf drei ABM-Stellen für die Lehrer. "Bis die ABM-Stellen in zwei Jahren auslaufen, müssen wir es geschafft haben", erläutert Glowacz die Perspektiven seines Internats, mit dem sich zunächst einmal kein Geld verdienen läßt. Seine Brötchen verdient der ehemalige Fußballer denn auch als Importeur von Unterhaltungselektronik aus Fernost.

Traumziel bleibt es natürlich, Fußballprofis heranzuziehen. "Wir wollen keine Profis züchten, aber wenn einer aus dem Internat hervorgehen sollte, um so besser." Glowacz geht dafür den langen Weg, und er geht ihn nicht erst seit der Niederlage in der Fußballweltmeisterschaft. "Wir sind schon seit langem der Überzeugung, daß wir zurück an die Basis bis zu den ganz Jungen müssen und nicht erst bei den 15- bis 16jährigen ansetzen dürfen." Mit 16 sei manch einer für den Fußball schon verdorben, weil er nicht rechtzeitig genug Koordination und Technik lernte. "Die ganz Jungen sind einfach entwicklungsfähiger und werden jeden schlagen, der erst mit 16 Jahren einsteigt." Zum Erfolg sollen auch Gasttrainer aus der ehemaligen Fußballelite wie Heinz Flohe, Bernd Cullmann und Wolfgang Overath beitragen.

Ohne Vorbilder ist auch diese Schule nicht. Der Fußballverein Ajax Amsterdam bildet seinen Nachwuchs auf diese Weise aus, ganz im Gegensatz zu Glowacz' eigenem Verein, dem 1.FC Köln. Gerade in die Zweitliga abgestiegen, stellt dieser die sportliche Zusammenarbeit mit einem Kölner Gymnasium ein, weil er ausgerechnet in der Jugendarbeit sparen will. "Der Fußball muß neue Visionen haben", sagt demgegenüber Glowacz, der sein Modellprojekt auch dem DFB näherbringen will. Wie ernst er das nimmt, zeigt nicht zuletzt, daß Sohn Manuel, 10, einer der ersten Schüler des Internats ist.

Informationen: Fußball-Internat Köln Jürgen Glowacz/Klaus Pabst Postfach 103640, 50476 Köln Tel./Fax 0221/4844450