Wenn im Herbst die Universitäten ihre Pforten für eine neue Generation von Rechtsstudenten öffnen, wird sich das immer gleiche Chaos einstellen: überfüllte Hörsäle, beklemmende Enge in den Seminarräumen, Kampf um die Lehrbücher in den Bibliotheken, frustrierte Professoren und Studenten.

Die ersten Warnungen vor einer "Juristenschwemme" wurden bereits Anfang der siebziger Jahre ausgestoßen. Seitdem hat sich die Zahl der Jurastudenten verdreifacht. Allein im vergangenen Jahr entschieden sich über 20000 Abiturienten für das Fach Rechtswissenschaft. Rund 150000 berufstätigen Juristen stehen heute ebenso viele in der Ausbildung gegenüber.

Womit wir beim dritten Problem wären: Die gesamte Ausbildung - in ihren Grundzügen bereits 200 Jahre alt - ist nicht mehr zeitgemäß. An ihrem Ende steht der "Einheitsjurist", der die "Befähigung zum Richteramt" erworben hat. Alle angehenden Juristen verbringen deshalb durchschnittlich mehr als die Hälfte ihrer Referendarzeit bei den Gerichten, obwohl Justiz und Verwaltung allenfalls jeden 20. Absolventen übernehmen. 80 Prozent dagegen ziehen sich eine Anwaltsrobe über. Zwischen 1985 und 1996 hat sich die Zahl der Advokaten fast verdoppelt - auf rund 81000. Jährlich kommen weitere 6500 Anwälte dazu.

Es ist also höchste Zeit, radikal umzusteuern. Die Einsicht ist längst da, und auch der Deutsche Juristentag wird Anfang nächster Woche in Bremen wieder einmal über eine Reform der Juristenausbildung debattieren. Allerdings litten fast alle Vorschläge bislang unter einem Mangel: sie waren von berufsständischen Interessen geprägt. Seit kurzem jedoch macht eine neue Empfehlung die Runde. Sie kommt aus Hamburg, vom Präsidenten des Oberlandesgerichts, und ist das Ergebnis eines Runden Tisches.

Zum erstenmal haben alle Beteiligten zusammengesessen und über ein Jahr lang beraten: die Vertreter der juristischen Fakultäten, der Anwalts-, der Notar- und der Handelskammer, des Anwalt- und des Richtervereins, der Justizbehörde, des Prüfungs- und des Personalamts, des Ausbildungsausschusses sowie des Personalrats der Referendare. Herausgekommen ist in diesem Sommer ein wirklich zukunftsweisender Vorschlag für eine neue Juristenausbildung. Festgehalten wird lediglich an der zweistufigen Ausbildung (Universitätsstudium und anschließende Referendarzeit) sowie an der Bezeichnung "Einheitsjurist". Ansonsten bleibt nichts beim alten.

Die Hamburger Autoren entschieden sich gegen Hochschuleingangsprüfungen und gegen den Numerus clausus als Schleusen für die Zulassung zum Studium; sie empfehlen eine andere Form der Auswahl. Jeder, der will, soll nach wie vor Rechtswissenschaft studieren dürfen. Allerdings muß er nach kurzer Zeit nachweisen, daß er auch dafür geeignet ist. Das Studium gliedert sich deshalb in ein viersemestriges Grund- und ein anschließendes viersemestriges Hauptstudium. Nur derjenige darf aufsteigen, der im Grundstudium die erforderlichen Leistungen erbracht hat. Das heißt, er muß die entsprechenden Klausuren, Hausarbeiten und Seminarscheine unter Examensbedingungen mit Erfolg absolvieren. Wer durchfällt, muß gehen.

Im Hauptstudium wird der Lehrstoff dann vertieft, und die Studenten können je nach Interesse eigene Schwerpunkte bilden: zum Beispiel im Wirtschafts- oder Europarecht, im Strafrecht, in der Kriminologie, im Umwelt- oder Medienrecht. Rechtsanwälte, Richter, Verwaltungsbeamte, Justitiare und Staatsanwälte sollen regelmäßig unterrichten, und in mehrmonatigen Berufspraktika sollen die Studenten, wie es in dem Hamburger Vorschlag so schön heißt, "die Lebenswirklichkeit kennenlernen".