Selten offenbaren sich die verschiedenen Facetten eines Charakters in einem einzigen Augenblick. Nun aber ließ Bill Clinton die letzte Maske fallen. Bei einem Gebets-Frühstück mit Kirchenleuten aus dem ganzen Land sagte er, dem bis dahin wegen der Affäre mit Monica Lewinsky die Worte "Es tut mir leid" nicht über die Lippen wollten, plötzlich mit bebender Stimme: "Es gibt wohl keine elegante Art zu sagen, ich habe gesündigt."

Gesündigt: So sprach der Moralist, der nichts mehr beschönigen wollte, der Moralist, der den Opfergang anzutreten bereit schien. Aber Clinton hatte noch kaum Atem geholt, da kündigte er auch an: "Ich werde meine Anwälte instruieren, eine energische Verteidigung mit allen verfügbaren, angemessenen Argumenten in die Wege zu leiten." Alle Argumente: So sprach der Rationalist, der nicht aufgeben wird, der weiß, daß noch nie 67 Senatoren für die Amtsenthebung eines Präsidenten gestimmt haben, ein Rationalist, der sich im Recht sieht.

Noch nie sind die intimsten Einzelheiten eines Menschenlebens derart vor der ganzen Welt ausgebreitet worden. Noch nie ist ein Präsident dermaßen studiert, analysiert, seziert worden. Und doch kennt niemand den wirklichen Bill Clinton. Journalisten hat er stets auf Distanz gehalten. Die Biographien enden im Januar 1993 - mit seinem Amtsantritt. Seine Freunde haben sich von ihm abgewandt, enttäuscht über die Leichtfertigkeit, mit der er gemeinsame politische Ziele aufs Spiel setzt. Vertraute dürfen nichts über ihn sagen, wenn sie nicht in die Fänge des Großinquisitors Kenneth Starr geraten wollen. Oder sie lügen, wissentlich und unwissentlich, um ihren Präsidenten wieder im rosigen Licht zu zeigen. Seine Anwälte aber handeln nach der alten Verteidigermaxime: Gib nur das absolute Minimum preis - wenn dich einer nach deinem Namen fragt, sag ihm nur den Nachnamen, nicht den Vornamen dazu, wenn einer nach Vorname und Nachname fragt, gib ihm nicht noch deine Adresse.

Dieser Mann ist stets auf der Suche nach Anerkennung und Zustimmung

Der öffentliche William Jefferson Clinton ist im Grunde ein Zauderer, ein halbherziger, unentschlossener Wanderer, stets auf der Suche nach Anerkennung und Zustimmung. Warum sollte der private Clinton ein anderer sein?

Nach eigenem Bekunden hat er - zu einer Zeit, als Marihuana-Joints wie selbstverständlich herumgereicht wurden - mit Hasch "experimentiert", aber nie "inhaliert". Und er hat gegen den Vietnamkrieg protestiert, aber nie "die Gesetze meines Landes verletzt". Wie auch? Er protestierte in England. Auf die Frage der Los Angeles Times, warum er nie zum Wehrdienst eingezogen worden sei, erklärte Clinton 1992 allen Ernstes: "Der Zufall wollte es so." Der Zufall - das war sein einflußreicher Onkel Raymond, der im zuständigen Wehramt in Arkansas die Fäden zog, so daß sich Bills Einberufungsverfahren über Jahre hinzog.

Als Student an der Washingtoner Jesuiten-Universität Georgetown setzte der junge Bill 1967 seinen ganzen Charme ein - besonders bei den Studentinnen. Es half nichts, er wurde trotzdem nicht zum Präsidenten des Studentenrats gewählt: Es war die Zeit des antiautoritären Protests, er aber hatte es vorsichtig vermieden, sich mit den Autoritäten anzulegen.