Der Brief war auf buntem Glanzpapier gedruckt: "Sehr geehrter Herr Schwarz, wir möchten Sie persönlich einladen, an unserer Verbraucherbefragung teilzunehmen. Als kleines Dankeschön nehmen Sie an einer Verlosung teil, bei der Sie einen Videorecorder oder eine Hi-Fi-Anlage gewinnen können." Verlockend. Herr Schwarz füllte die über 100 Fragen sorgsam aus. "Mit wem fahren Sie am liebsten in Urlaub? Wann trinken Sie Alkohol? Welche Automarke fahren Sie?" Zum Schluß mußte Schwarz den Bogen nur noch unterschreiben.

Reiseprospekte, Kataloge und Angebote von Bankhäusern - jeden Tag erreichte den auskunftsfreudigen Herrn nun eine Flut von Werbebriefen. "Wir versichern Ihnen, daß Ihre Befragungsergebnisse ausschließlich für Marketingzwecke personenbezogen erfaßt, gespeichert und übermittelt werden", hatte im Fragebogen gestanden.

Die Einstellung hat sich gewandelt: Vielen Menschen scheint egal zu sein, wer was von ihnen weiß. Sorgte in den Achtzigern noch die Volkszählung für Aufregung, werden heute Haushaltsumfragen im Dienste der Wirtschaft bedenkenlos ausgefüllt. Wenn überhaupt, setzt Reue erst spät ein. Daten- und Verbraucherschützer wundern sich. "Manchmal ist es zum Verzweifeln. Schließlich kann man nicht alle Menschen vor sich selber schützen", meint Helga Schumacher, Sprecherin des Bundesbeauftragten für Datenschutz, Joachim Jacob. "Haushaltsumfragen sind prinzipiell zulässig, sofern sie nicht an Gewinne gekoppelt sind. Außerdem muß der Verbraucher unterschreiben, daß seine Daten weitergegeben werden dürfen." Die Frage, ob es sich lohnt, ein nicht anonymes, detailliertes Persönlichkeitsprofil abzulegen, muß sich demnach jeder selber stellen.

Auch der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Hans-Hermann Schrader staunt, wie selbstverständlich einer Branche Auskunft erteilt werde, der viele Deutsche nur wenig vertrauten. Der Grund für das merkwürdig gegensätzliche Verhalten: Struktur und Ausmaß der Adressenbranche sind den meisten Konsumenten völlig unbekannt.

Das Zauberwort - Direktmarketing - ist jedoch seit Jahren Bestandteil erfolgreicher Werbestrategien, die den persönlichen Kontakt zum Konsumenten suchen. Wie beim adressierten Werbebrief, "Mailing" genannt. "Unsere Adressen sind unser größtes Kapital", sagt Quelle-Sprecher Erich Jeske. Pro Tag verschickt das Versandhandelsunternehmen rund eine Million Mailings. Im vergangenen Jahr gaben deutsche Unternehmen insgesamt 33 Milliarden Mark für Direktmarketing aus. 1998 dürften es mehr werden.

Die verschiedensten Unternehmer teilen sich das Geschäft mit den Adressen: List-Broker vermitteln gegen Provision die passende Versenderliste, Adreßverlage liefern das Basismaterial, und Agenturen konzipieren Mailing-Aktionen. Druckereien drucken, und Lettershops kuvertieren und versenden.

Weil sich damit Zielgruppen so wunderbar genau ansprechen lassen, wird der Adreßhandel immer beliebter. So stehen auf einer Kundenliste des führenden deutschen Händlers, der Schober Direktmarketing GmbH + Co, namhafte Firmen wie Daimler-Benz, Bank24, IBM, Otto Versand und Siemens. Über 35 Millionen Privatadressen mit 800 Millionen Zusatzinformationen sind bei Schober gespeichert. Ein lukratives Geschäft, mit dem das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Umsatz von 200 Millionen Mark machte.