Das Volk hat dem grotesken Spektakel in Washington längst den Rücken gekehrt. Kaum einer der Bürger ist bereit, den Arm zu heben, um den ersten Stein zu werfen. Das Narrenspiel geht sie nichts an. Sie haben, wenn nicht vieles täuscht, die Welle der weltlichen Evangelisation durch die Political Correctness hinter sich gelassen, die ohnedies eine Obsession der Minderheiten und der Elite war. Das Volk hatte damit wenig zu schaffen.

Der inquisitorische Eifer schlug vielmehr die Medien und die politische Klasse in seinen Bann, die jedes Augenmaß verloren zu haben schienen: in ihrer Besessenheit gegen alle Mahnungen der skeptischen Vernunft immunisiert, ja von allen guten Geistern und vor allem von jeder Regung des Humors verlassen, nicht länger fähig, das Wichtige - zum Beispiel die russische, die asiatische, die nahöstliche Krise - vom Unwichtigen - nämlich der Farce im Weißen Hause - zu unterscheiden.

Der gleichmachende Wahrheitswille stammt aus dem Glauben der Pilgerväter, die an die Küsten der Neuen Welt stiegen, um die Stadt Gottes zu bauen, die "Stadt auf dem Hügel", von der die Offenbarung spricht, das Neue Jerusalem, dessen Kinder Glieder einer Gemeinschaft sind, die sich vor dem Zorn des Herrn und in ihrem Verlangen nach Erlösung stets als Gleiche unter Gleichen empfanden. Die christlich-egalitäre Leidenschaft überschwemmte das Land von Anbeginn seiner Geschichte an mit den zyklischen Wellen der Erweckungsbewegungen. Immer aufs neue predigten die Evangelisten fire and brimstone, Pech und Schwefel, über die verängstigten Sünder herab, die nach dem rettenden Worte lechzten. "Die bitteren Schreie, die Seufzer waren genug", stand in einem zeitgenössischen Bericht geschrieben, "das härteste Herz zu durchdringen. Einige Leute waren bleich wie der Tod, und die meisten erhoben ihre Augen zum Himmel und schrien zu Gott um Gnade. Sie schienen wie Menschen, die von der Trompete des Jüngsten Gerichts erweckt würden..." Voll lodernder Inbrunst sangen die Frommen: "Awa ke , awake, your sins forsake / And that immediately; / If we don't turn, his wrath will burn / To all eternity..."

Die Exzesse verebbten, doch die Bereitschaft zur Einkehr blieb ein Element der Landesgesinnung, die von jeher aus der Dialektik von Aufklärung und Religiosität lebte. Längst wuchs sie über die Gemeinden der Protestanten hinaus: Kenneth Starr, der Sohn eines texanischen Baptisten-Predigers, steht genauso in ihren Diensten (ohne es recht zu wissen) wie der katholische Senator d'Amato aus New York oder der jüdische Kolumnist William Safire.

Der amerikanische Puritanismus durchdringt jede der großen Konfessionen - und er hat die Gemüter der Atheisten nicht geschont. Er hat sich in den Redaktionen der Zeitungen und den marmorgleißenden Bürofluchten der Fernsehgewaltigen genauso verschanzt wie hinter den efeubewachsenen Mauern der Elite-Universitäten. Im Fortgang der Jahrhunderte eroberte er die profansten Bezirke der Politik und des Daseins, und er wurde keineswegs durch die "sexuelle Revolution" außer Kraft gesetzt, in der die Promiskuität als eine Art Leistungs- und Massensport der Gesellschaft gedieh.

Der Rückschlag ließ nicht auf sich warten. Der radikale Feminismus ist im Kern seines Wesens von puritanischen Impulsen geprägt, die sich weit vom religiösen Ursprung entfernten. Die Bewegung der Political Correctness läßt sich, wenn nicht vieles täuscht, auch als eine weltliche Übersetzung der puritanischen Glaubens- und Bekehrungswut begreifen: die säkularisierte Version jener Veitstänzerei, die der große Historiker Richard Hofstadter als "Neigung zur Paranoia" durchschaute. Man könnte auch von einer partiellen Geisteskrankheit reden, von der sich die Betroffenen rasch erholen, wenn der Spuk vorüber ist - als hätten sie einen Alptraum abgestreift.

Der Wille zu Vernunft und Aufklärung erwies sich, in den Niederungen des Alltags wie auf den Höhen der Politik, zuletzt stets als das stärkere Element amerikanischen Wesens. Der Geist Thomas Jeffersons behielt am Ende die Oberhand. Niemals gerieten die Bürger der Vereinigten Staaten in gleicher Weise "außer sich", jeder zivilisatorischen Kontrolle entgleitend, wie die Gesellschaften Europas in ihrer Hingabe an die ersatzreligiöse Raserei der totalitären Ideologien. Über eine Weile findet Amerika wieder zu Jefferson, zu Lincoln, zu den Roosevelts heim: in seiner Grundvernunft verläßlicher, als wir es waren. Das ist ein Trost.