Nähern wir uns dem Thema ganz sanft. Am Telefon ist Claudia Nolte. Liebe Frau Nolte, wir machen jetzt ein Spiel. Ich sage: "Familie", Sie sagen ganz schnell, was Ihnen als erstes einfällt! Die Stimme der amtierenden Bundesfamilienministerin wird ganz weich. Sie sagt: "Geborgenheit. Wärme. Zukunft."

Gegenprobe. Anruf in der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen. Die Senatorin, bitte. Liebe Christine Bergmann, was fällt Ihnen zum Stichwort Familie ein?

Ja, Familie kann so schön sein. Immerhin über die Hälfte der Deutschen findet, daß Kinder zum Leben gehören. Windpocken durchstehen, die erste Fahrradtour. Rumbrüllen, sich wieder versöhnen, mit Oma Geburtstag feiern. Abends nach Hause kommen, Schuhe einfach wegschmeißen, jemandem erzählen, wie es draußen war. Fast alle jungen Deutschen wollen heiraten, fast alle wollen Kinder, meistens zwei. Auf gewisse Weise könnte man sagen, weil das leider nicht alles zum Thema Familie ist, weil diese Wünsche in der Mitte des Lebens heute oft in einem Fiasko enden, deshalb muß es leider so etwas wie Familienpolitik geben. Weil da irgendwas nicht klappt.

Die jungen Deutschen heiraten immer später. Sie kriegen immer später Kinder, immer seltener zwei. Fast ein Drittel dieser Kinder wird, sagen die Familienforscher, in den nächsten Jahren von einem Elternteil verlassen werden, weil Vater oder Mutter ausziehen. In Europa bekommt schon ein Viertel der Leute die Kinder gleich außerhalb der Ehe. Von einer Entkopplung von Ehe und Familie ist die Rede. Und von Folgekosten. Aber das soll jetzt alles besser werden.

"Vorfahrt für die Familie!" brüllt das CDU-Programm. "Die Entscheidung für Kinder erleichtern!" schallt es aus der SPD, gleich zwölf Seiten in ihrem Pamphlet sind den Vätern und Müttern, den Jugendlichen und den Alten gewidmet. "Familien entlasten!" versprechen natürlich auch lauthals die Grünen. Wahlprogramme sind immer so energisch.

Was legen Sie als erstes auf den Tisch, Frau Bergmann, wenn Sie in Bonn eingezogen sind?

Frau Bergmann: "Eine bessere Kinderbetreuung. Dreißig Prozent der alleinerziehenden Frauen leben von der Sozialhilfe, vor allen Dingen deshalb, weil die Kinderbetreuung nicht ordentlich geregelt ist und sie ihr Geld nicht selbst verdienen können."