Wenn Parteiprogramme etwas mit der Wirklichkeit zu tun hätten, gäbe es in Deutschland keine glücklicheren Menschen als Wissenschaftler und Ingenieure. Schließlich brauen sie den Zaubertrank, den alle Parteien dem Land als Medizin verschrieben haben: Innovation. Nur merkwürdig, die Gepriesenen führen Klage über Klage - und das zu Recht.

Forscher sind ungehalten darüber, daß sie zuviel Zeit in Gremien und mit Papierkram vertun müssen; junge Wissenschaftler sind frustriert, weil ihnen die alten Kollegen keinen Platz einräumen; Ingenieurprofessoren klagen, daß die Zahl der Studierenden technischer Fächer dramatisch sinkt; Industrieforscher sind verstimmt, weil der Input von den Universitäten ausbleibt, und auch darüber, daß die Studenten an den Erwartungen der Wirtschaft vorbei ausgebildet werden.

Seit 1990 ist der Anteil der Aufwendungen für Bildung und Forschung am Bruttosozialprodukt um mehr als ein Fünftel gesunken. In Schweden beträgt dieser Anteil 3,6 Prozent, Deutschland rangiert mit 2,27 Prozent weltweit nur noch auf Rang fünf. Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, fordert von Staat und Wirtschaft, diesen Betrag wenigstens auf 3 Prozent zu erhöhen, das wären dann anstatt 80 etwa 100 Milliarden Mark pro Jahr.

Das sind abstrakte Zahlen. Aber wer sich an den Hochschulen umtut, erlebt das konkrete Elend; das amerikanische Wissenschaftsmagazin Science benutzte gar das Wort slums. Es sind Bedingungen, unter denen Wissenschaftler oft mehr Zeit für die Akquisition von Mitteln aufbringen als für ihre Forschung.

Wissenschaftlich unergiebige Prestigeprojekte wie der Übersetzungscomputer Verbmobil, die Fusionsforschung oder die Internationale Raumstation werden unterdessen kräftig gefördert. Und noch immer leistet sich der Staat ehemalige Kernforschungszentren, die heute zwar allerlei Wissenschaft betreiben, deren Fortexistenz als abgelegene Forscherghettos aber keinen rechten Sinn ergibt. Das gilt ebenso für manche in Ehren ergraute Einrichtung an den Universitäten, denn es ist allemal leichter, ein Rätsel der Wissenschaft zu lösen, als eine ihrer Institutionen zu beerdigen. Darunter leidet auch die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), die gerne beweglicher wäre; ihr machen es das öffentliche Dienstrecht und regionale Standortpolitik beinahe unmöglich, Institute zu schließen, um anderswo neue aufzubauen.

In einem Essay über den Wissenschaftlichen Wohlstand der Nationen legte Robert May vom britischen Büro für Wissenschaft und Technologie im vergangenen Jahr beredte Zahlen vor: Deutschland gehört zwar zu den vier Ländern der Welt, aus denen die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen stammen. Die Publikationen haben allerdings, mißt man die Häufigkeit, mit der sie zitiert werden, einen deprimierend geringen Einfluß. Den Grund für die Überlegenheit des britischen und besonders des amerikanischen Systems sieht May in der Nachwuchsförderung. Frischgebackene Doktoren können dort unabhängig von Hierarchen Mittel für ihre Projekte beantragen, während deutsche Nachwuchswissenschaftler auf das Wohlwollen eines Lehrstuhlinhabers oder Laborleiters angewiesen sind. Infolgedessen verbringen sie ihre kreativste Zeit in einem Klima, das Anpassung anstelle von Originalität fördert.

Derweil nimmt die Öffentlichkeit kaum mehr Notiz von dem, was in Deutschland erforscht wird. Den meisten Wissenschaftlern gilt es ohnedies als unfein oder zumindest nicht karriereförderlich, sich an das Publikum zu wenden. Lehrer wiederum haben selten Kontakt zu dem, was sich derzeit in den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften tut.