Der moderne Mensch will das Sterben möglichst verdrängen; es beleidigt seinen Machbarkeitswahn. Doch gerade die Machbarkeit konfrontiert ihn erst recht mit seinem Sterben. Wo früher der Tod selbstherrlich dem Leben das Ende setzte, müssen sich Patienten, Ärzte und Angehörige immer öfter der Frage stellen: Wann ist es Zeit zu sterben?

Die jüngsten Richtlinien der Bundesärztekammer zur Sterbehilfe versuchen, Orientierung zu geben - wie schon 1979, wie schon 1993. Obwohl die Richtlinien in entscheidenden Punkten an tradierten Normen festhalten, haben sie sich in anderen Grenzfragen neuen Einsichten geöffnet - ohne den Spielraum voll auszuschöpfen, den die höchstrichterliche Rechtsprechung skizziert.

Wenn man so will, findet hier eine Verschiebung statt von der Pflicht zum Leben zum reinen Recht auf Leben. Es gibt offenbar eine Differenz zwischen dem verpflichtenden Recht auf Leben und dem Selbstbestimmungsrecht des Lebenden. Der Arzt hat die Pflicht, mit dem Patienten, der keine weitere Behandlung wünscht, einfühlsam zu sprechen - dann hat er den geprüften Willen zu respektieren. Was aber, wenn der Patient sich als schwer geschädigtes Kind noch nicht oder als vom bewußten Leben Getrennter nicht mehr äußern kann? Die Richtlinien nehmen die "Patientenverfügung" ernst, stellen aber zu Recht die Frage, ob sie den konkreten Fall ins Auge fassen kann - und ob der Mensch gerade seinen letzten (Lebens-)Willen wirklich auf Vorrat fassen kann. Ein schwieriges, nie perfekt zu lösendes Problem: Wie respektiert man den mündigen Menschen, ohne den Arzt zu entmündigen? Am ehesten so, wie es diese Richtlinien versuchen.