Bonn

Wenn Joschka Fischer ins Land schaut, sieht er drei ehrwürdige Kirchen: die Sozialdemokratie, den Konservatismus und den Liberalismus. Die Pfarrer kommen und gehen, zuweilen reißt ein Sturm die Dächer ein, aber die Mauern bleiben, und immer finden sich Gläubige, die sie mit neuem alten Leben erfüllen. Neben den Kirchen steht ein Zeltlager: Es flattert im Wind, und drinnen redet ein Wanderprediger auf seine Gemeinde ein. Das ist die Heimstatt der Grünen.

Bis zum 27. September heißt es: Durchhalten. Doch dann soll vieles anders werden. Die Realos um Joschka Fischer, die sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen sehen, möchten raus aus ihrem Zeltlager. Sie möchten eine Kirche für sich. "Die Grünen, so wie wir sie kennen", heißt es, "werden dann der Vergangenheit angehören."

Das sind große Worte, aber da sie nicht von kleinen Männern gesprochen werden, verdienen sie Aufmerksamkeit. Bislang ist es nur Oswald Metzger, der grüne Haushaltsexperte, der sagen darf, was sich Höhere öffentlich nicht trauen: "Wir brauchen eine Neupositionierung im Parteiensystem." Das Linke und das Wertkonservative in der Partei müsse neu austariert werden.

Von einer "modernen ökologischen Bürgerrechtspartei" ist die Rede, einer Partei also, die ihren Platz nicht länger links der SPD, sondern zwischen SPD und CDU sucht. Alles soll neu werden, nicht nur das Programm, auch das Erscheinungsbild, letztlich das Selbstverständnis der Grünen. "Der ganze Tinnef von Quote und Kleeblatt", heißt es in der Fraktionsspitze, "gehört endlich entsorgt."

Zwei Szenarien sind denkbar:

Erstens: Falls der Wiedereinzug in den Bundestag mißlingt, womit kaum jemand rechnet, oder falls die Grünen erneut in der Opposition landen, was sich viele vorstellen können, bereitet sich die realpolitische Gemeinde auf die "blutige Variante" vor: Die Parteilinke, so die berechtigte Erwartung, werde Fischers Kompromißkurs für die Wahlschlappe verantwortlich machen und auf stärkere Abgrenzung pochen, auch zur SPD. Eine Große Koalition - mit Grünen und Liberalen in der Opposition - dürfte die Versuchung, nach links zu rücken, erheblich verstärken.