Ist die Jugend rechts? In Bayern haben am Sonntag fast 50 Prozent der Jungwähler Edmund Stoiber und die CSU gewählt. In Sachsen-Anhalt stimmte im Frühling gar ein Drittel der 18- bis 24jährigen für die rechtsextreme DVU.

Wird es schick, rechts zu sein? Oder doch nicht? 57 Prozent der jungen Leute wünschen sich Gerhard Schröder als Bundeskanzler. Aber nur 33 Prozent von ihnen wollen SPD wählen. Viele werden nicht zur Wahl gehen, weil sie die Politik geringschätzen und den Parteien mißtrauen.

Die Jugend? Eine Stuttgarter Anwaltstochter mit dem Studienfach Kunstgeschichte und ein Görlitzer Auszubildender im Bauhauptgewerbe haben durchaus unterschiedliche Interessen. Eine Übereinstimmung besteht wohl darin, daß beide auf einen Arbeitsplatz hoffen, der ihren Fähigkeiten entspricht. Und wenn man den Erkenntnissen der Shell-Jugendstudie von 1997 trauen kann, dann fürchten beide, diesen Arbeitsplatz nicht zu finden. Zu Recht: Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland hat sich binnen weniger Jahre verdoppelt.

Der Berufseinstieg als Improvisationskunststück, nicht als Selbstverständlichkeit: Das ist die Erfahrung dieser Generation in der Alles-besetzt-Gesellschaft der neunziger Jahre. Daraus erwachsen besondere Bewältigungsstrategien: Man konzentriert sich auf das Wesentliche, bastelt an der eigenen Patchwork-Biographie, pflegt den Zusammenhalt unter Gleichaltrigen und pocht auch auf "Spaß". Dieser Pragmatismus, obwohl aus der Not geboren, hat etwas Befreiendes. Niemand muß mehr um den Schwachsinn streiten, ob der Staat "Monopolkapitalist" sei oder nur als solcher wirke, wenn es ganz konkret um Vorschläge zur Verbesserung der Studienbedingungen geht. Die sozialistischen Umgestaltungsphantasien der siebziger Jahre sind aus den Köpfen junger Menschen weitgehend verschwunden. Das ist kein Verlust.

Gut ist, daß sie von der Politik nicht alles erwarten. Schlecht ist, daß sie von der Politik nichts mehr erwarten. Mit den alten Utopien ist etwas abhanden gekommen, das auf lange Sicht für jedes Gemeinwesen unersetzlich ist: die Vorstellung, daß die Politik gesellschaftliche Verhältnisse gestalten kann.

Die Kinder der Ära Kohl neigen dazu, ihre Lage für naturgegeben zu halten. Du mußt selbst sehen, wie du zurechtkommst - kaum ein Satz fällt häufiger im Gespräch mit jungen Leuten. Das ist die größte Klimaveränderung der vergangenen 16 Jahre, und jeder vernünftige Mensch wird sich freuen, daß Jugendliche ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Aber: Unter dem Etikett der Ideologiefreiheit hat sich eine verantwortungslose Ideologie der totalen Selbstverantwortung eingeschlichen: "Wehe dem, der schwach ist", lautet eine ihrer Erfahrungen. Das ist kein Grund zur Aufregung, solange die rauhere Atmosphäre sie zur Leistung anstachelt. Die Haltung wird erst dort problematisch, wo eine überzogene Individualisierung keine Solidarität mehr gedeihen läßt und die Hilflosen halt auf der Strecke bleiben.

Szenebeobachter verweisen gern auf die informellen "Netzwerke", in denen sich Jugendliche angeblich - mit welchem Ergebnis eigentlich? - engagierten. So weit her kann es damit nicht sein. Denn die vielzitierten Bürger- und Umweltinitiativen melden seit Beginn der achtziger Jahre Jugendschwund, von Parteien, Gewerkschaften und Verbänden gar nicht zu reden.

Man muß in Rechnung stellen, daß sich die Sozialdemokraten nie von den Jungwählerverlusten erholt haben, die ihnen die Grünen Anfang der achtziger Jahre zufügten. Hat aber die SPD um diejenigen, die zur ökopazifistischen Konkurrenz abwanderten, jemals wirklich gekämpft? In der Partei herrscht allenthalben die Selbstgefälligkeit der in die Ämter und in die Jahre gekommenen Brandt-"Enkel". Es fehlt das Funkeln eines Zukunftsversprechens; es zeigt sich nicht einmal das Bemühen, Jugendliche ernst zu nehmen und ihnen im Gegenzug Ernsthaftigkeit abzuverlangen.

Die verweigerte Nachwuchspolitik der SPD ist durch Anbiederung im Stil des Lafontaineschen Techno-Tanzes zu Mannheim, durch alberne Jugendkampagnen und MTV-gestylte Großflächenplakate nicht auszugleichen.

So wählen jene Jugendlichen, die das Glück haben, in Bayern zu wohnen, eben ganz pragmatisch Stoibers erfolgreiche Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Oder andernorts "Protest". Oder gar nicht. Oder den Kanzler, der immer schon da war, seit sie denken können. Oder sogar Schröder, weil sie ihn für "moderner" halten als seine SPD.

Modernität darf freilich nicht bedeuten, nur das flottere politische Dienstleistungsangebot zu vermarkten. Moderne Politik muß gerade junge Leute für eine Beteiligung an der Demokratie gewinnen - für eine Sache, die über die Bewältigung des eigenen Lebens hinausgeht.