Der stern wird fünfzig. Gratulation und Respekt vor der Leistung, trotz massiver Fernsehkonkurrenz und kannibalischer Zellteilung (Geo , art , Konrad , Amadeo , start) immer noch über eine Million Exemplare wöchentlich zu verkaufen. Die einstigen stern- Konkurrenten haben sich längst aus dem Illustriertenmarkt verabschiedet, und der stern hat sich einen neuen gesucht, den Magazinmarkt. Heute konkurriert er mit Spiegel und Focus, nicht mehr mit Bunte und Neue Revue. Ältere Kollegen bei der ZEIT wissen, was sie dem stern aus den Anfangsjahren zu verdanken haben. Dessen Gewinne erlaubten ihnen, einen Journalismus zu pflegen, der nicht so sehr unter ökonomischem Zwang steht.

Genug der schönen Worte. Das Jubeljahr gibt Anlaß, über die Seelenlage der Nation nachzudenken. Weit über eine Million Deutsche entscheiden jede Woche am Kiosk, welche Themen sie reizen, nach welchem Thema sie greifen. Die Covers der drei Magazine werden so zu Seismographen, die anzeigen, was Deutsche bewegt. Und was bewegt die Deutschen, nimmt man die schwankende Kioskauflage der Magazine zum Maßstab? Und die schwankt sehr: beim Spiegel um 30, beim stern um 40 und bei Focus gar um 70 Prozent.

Mit allen diesen Themen wurden 200000 Exemplare mehr verkauft als mit den schwächeren Titeln (ganz schwach: Viagra). In diesem Jahr war bei Focus ein lustiges Thema Spitzenreiter: "Die wahre Lust der Frauen". 245000 Käufer mehr als bei Viagra. Gleich dahinter wieder was Nützliches: Alles über Handys.

Beim stern ein anderes Bild. Der Renner dieses Jahres: "Wie stabil ist Ihre Psyche?" Als nächstes in der Käufer Gunst: Gerhard Schröder. Das, was man bisher unter klassischem Illustriertenstoff abtat, ging dagegen schlecht, zum Beispiel Katzen, aber auch die müde Potenzpille. 200000 Hefte weniger.

Und der Spiegel? Selbst beim "Sturmgeschütz der Demokratie" (Augstein) liegt in diesem Jahr ein Psychothema ganz vorne: "Passen Männer und Frauen zusammen?" Inquisition, Buddhismus, Evolution liefen auch sehr gut. Schlecht dagegen verkauften sich die Probleme beim Umzug von Bonn nach Berlin: 100000 minus.

Die Zeiten ändern sich. Vor bald 25 Jahren hat der stern sich schon einmal zum Thema Titelbestseller geäußert. Damals, 1974, war der Renner noch Politik. Willy Brandt war die Nummer eins, Beckenbauer die Nummer zwei. An dritter Stelle lag, worüber Alice Schwarzer sich schon immer geärgert hat: eine nackte Frau. Auf Platz vier: "Das Geheimnis unserer Katzen".

Was lernen wir daraus? Man hat sich an Nackte gewöhnt, weiß inzwischen alles über Katzen, und Brecht hat recht: Am meisten interessiert der Mensch sich für sich, dann fürs Geld. Politik? Na ja. Tiere? Na gut. Und Nacktes? Gähn.