Am Anfang war Zorn. Als müsse man der guten, gesitteten Gesellschaft in all ihrer Wohlhabenheit die Maske noch einmal vom Gesicht reißen, so hatte sich der Theatermacher Christoph Marthaler kürzlich das Pariser Leben von Jacques Offenbach vorgeknöpft, und damit gastierte er ausgerechnet in Bonns Oper, vor der Bonner Gesellschaft.

Die Operette als Antioperette. Dirigent und Orchestermusiker kommen - verspätet natürlich - mit Plastiktaschen hereingeschlendert, packen die Stullen aus, stellen ihr Mineralwasser, gleichfalls in Plastikbehältern, gemächlich neben sich. Und auch die Champagnergläser sind, wie sich bald zeigen wird, aus Plastik, das ständig auf den Boden fällt und zertreten wird und knirscht und birst.

Etwas Symbolisches hatte der Abend wohl. Bonn: Bisher war das irgendwie die Mitte der politischen Republik, und von dieser kleinen Stadt läßt sich auch sagen, daß sie wie wenige andere die homogene Mittellage verkörpert. Keine sichtbare Oberklasse, keine herausragende Unterklasse, die sozial austarierte Republik scheint hier ihren Ausdruck gefunden zu haben. Man hört Marthalers Auseinandersetzung mit dem Pariser Leben also zu. Irgendwie wird man dabei den Gedanken nicht los, daß sie ganz gut paßt zu den Abschiedsstunden für die Stadt und die Bonner Republik. Ja, Bonn war Mitte.

Die Mitte: Das ist die Grundmelodie, die alle Beobachter der Politik über die Jahre begleitete. Jeder will Mitte sein. Wer in der Politik nicht Mitte ist, hält sich für verloren. Linke Mitte, rechte Mitte, aber Mitte in jedem Fall. Von der Linken ist die Mitte oft kritisiert worden, aber wenn sie an die Macht wollte, freilich nicht. Den "Verlust der Mitte" hat niemand so inbrünstig bedauert wie die Konservativen. Das Wort geht auf den Kunsthistoriker Hans Sedelmayer zurück, also seine Abrechnung mit den Brüchen und Abstraktionen der Moderne, vor der er stellvertretend für viele erschauderte.

Den deutschen Drang in die Mitte hat keiner so ironisch aufgespießt wie Hans Magnus Enzensberger. "Mittelmaß und Wahn. Ein Vorschlag zur Güte": So stand es über seinem großen Essay. Geschrieben 1988, Helmut Kohl war Kanzler, die Einheit stand vor der Tür, man wußte es bloß nicht.

Ach, Enzensberger. Er stimmte eine Melodie an, die man heute auch wieder häufig zu hören bekommt. Daß "wir" ständig über uns lamentieren, jedenfalls "nicht viel von uns halten". Die Rechte fürchte den Zerfall der Werte, Überfremdung und Unterwanderung, das Verschwinden der Mitte. Und die Linke sei auch nicht zufrieden, weil so viel Mitte im Lande ist, obwohl sie doch Anlaß dazu hätte. Der Befund des Ironikers: Die Gesellschaft sei mittelmäßig. Mittelmäßig seien ihre Machthaber und ihre Kunstwerke, ihre Repräsentanten und ihr Geschmack, ihre Architektur und ihre Medien, ihre Meinungen und ihre Ängste. Alles. Alle.

Soziologisch und kulturell, fuhr Enzensberger fort, sei die Republik durch die unangefochtene Hegemonie der middle class gekennzeichnet. Deren ölfleckartige Ausbreitung aber "war in den Plänen der Theoretiker nicht vorgesehen". Enzensberger, zwischen links und rechts argumentierend, irgendwo in der Mitte, hatte ja auch recht: Die bekümmerten Prognosen der Konservativen ebenso wie die sehnsüchtigen der Marxisten, der Mittelstand (das Kleinbürgertum) werde proletarisiert, hätten sich als falsch erwiesen. Der Klassenkampf finde als Tarifrunde statt. Das Mittelmaß sei "wahre Heimat".