Der Präsident eines mächtigen Landes verliebte sich einmal in ein junges, hübsches Mädchen. Sie war halb so alt wie er. Sie arbeitete als Praktikantin in einem der Büros seines Amtssitzes. Bei zeremoniellen Anlässen, wenn sogar die unteren Beamten im lockeren Kreis um den Präsidenten stehen durften, um ihn zu verabschieden, vielleicht weil er eine wichtige Reise antrat, lächelte sie ihm zu. Sie lächelte, weil sie gelernt hatte, daß es für ein Mädchen ihres Alters und Standes gut sei zu lächeln; und sie lächelte, weil ihr der Präsident gefiel. Er sah gut aus, dachte sie, er strahlte eine jugendliche Unbekümmerheit aus, die sie mochte. Und er war der Präsident.

Als das Mädchen eines Tages in einem der Flure zufällig dem Präsidenten begegnete, faßte sie sich, da er allein war, ein Herz, sprach ihn an und stellte sich ihm vor. Er lächelte und sagte, er kenne sie. Da er die Frauen vor allem wegen ihrer Weiblichkeit liebte, war ihm das hübsche, überaus weibliche Mädchen längst aufgefallen. Und als er sie wenig später wiedersah, während einer Geburtstagsfeier, die er vielleicht auch deshalb besuchte, um sie zu treffen, begannen sie, Blicke zu tauschen und miteinander zu plaudern. Als die meisten Gäste schon gegangen waren und beide allein im angrenzenden Kaminzimmer standen, hob das Mädchen, wie in einer plötzlichen Eingebung, die kurze Jacke ihres Kostüms, so daß der Präsident den Strumpfhalter und die Strapse sehen konnte, die oberhalb des Hosenbundes ihre blanke, blonde Haut schmückten.

In diesem Augenblick fingen beide Feuer, und fortan suchten sie jede Gelegenheit, um sich zu sehen. Die Gelegenheiten waren rar. Denn der Präsident regierte ein großes, mächtiges Land, und es war in seinen Augen und den Augen seiner Landsleute fast so, als müsse er die ganze Welt regieren. Er hatte also eigentlich keine Zeit. Andererseits liebte er die Frauen. Sie waren es, die ihn am tiefsten interessierten und beschäftigten. Er verstand sie nicht, aber er begehrte sie.

Weshalb war er dann Präsident geworden? Weshalb hatte er die unsäglichen Mühen und Kämpfe um das höchste Amt auf sich genommen, wenn ihm doch letztlich nur an Frauen etwas lag? Der Präsident war weder weise noch klug, aber im Laufe seines nicht sehr langen Lebens glaubte er so viel verstanden zu haben, daß Frauen nichts mehr lieben als die Macht. Und daß Macht zu haben der wirksamste, wenngleich nicht der leichteste Weg sei, ihre Zuneigung zu erringen. Und er hatte recht behalten.

Er war nicht der Kalif von Bagdad und hatte keinen Harun ar-Raschid

Der Präsident hatte also durchaus Lust, das Mädchen zu sehen und sich mit ihm zu vergnügen. Und gerade das war, wenn er die Begegnungen geheimhalten wollte, fast unmöglich. Da er ein mächtiger Präsident war, dem nicht wenige nach dem Leben trachteten, war er umgeben von Beobachtern. Jeder Schritt, den er tat, war aktenkundig, jeder Besucher wurde überwacht.

Aber hätte der Präsident, wenn er denn so mächtig war, nicht die Macht gehabt, das Mädchen einfach zu sich zu bestellen? Einem zuverlässigen Bedienten hätte er sie anvertrauen können, der sie, wenn das Bett am sicheren Ort bereitet war, zu ihm gebracht und nach vollzogener Liebe von dannen geleitet hätte. Just so, wie es alle Potentaten, denen der Krieg noch Zeit für die Liebe läßt, zu tun pflegen.