Acht Sommer Seebad Heringsdorf, 1982 bis 1989. Folgendes geschah: 1983 gab es keine Kaffeesahne auf der ganzen Insel Usedom. 1986 wurden die Strände von Millionen Marienkäfern besetzt. Ansonsten bleibt die Erinnerung undatiert. Die Zeit stand still im Paradies der Villen und des Windes, der vom Wasser her jahrein, jahraus durch die fügsamen Kiefern fuhr. Gleichmütig lagerte das Meer. Über den Horizont schlich die endlose Karawane von Schiffen, die nach Polen zogen, in den Hafen von Swinoujscie; oder sie entfernten sich, verdunsteten im Silberlicht, verblinkten inmitten der Sterne. Heringsdorf war ein zyklischer Ort. Zukunft meinte Herbst, das Ende der Saison. Und Vergangenheit? Einst hatte das Bad als mondän gegolten: Kaisers Sommerfrische, Nizza des Nordens. Nun hießen die Feriendomizile "Erich Weinert", "Camara M'Balia", "Solidarität" und beherbergten proletarisches Volk. Doch obwohl die Arbeiter-und-Bauern-Macht auf ewig herrschen würde, endete an der Ostsee die DDR. Am Meer ist Freiheit, und ein Meer bedeutet alle Meere.

1998. Die zyklische Ostzeit ist wieder Geschichte geworden. Aber welche, und wessen? In Heringsdorf, hörte man, sei der Kapitalismus explodiert. Der Kanzler, las man, habe dort gerade wahlgekämpft und den Ort zur blühenden Landschaft erklärt. Da, ein PDS-Fax: Gregor Gysi kommt nach Heringsdorf. - Nichts wie hin. Gysi vor blühender Landschaft, das müssen wir erleben.

Was blieb? Das Ostvolk. Sächselnd und berlinernd wie zu allen Zeiten, promeniert es, vertilgt Eis, Wurst und Bier, kleckert Burgen am Strand und strömt zum Kurplatz, als die Musik beginnt: "Das ist immer noch mein Land", der Wahlkampf-Rap der PDS. Da, jetzt besteigt der Star die Konzertmuschel. Gysi spricht frisch. Kein Ostgejammer, kein weher Balzruf nach der DDR. Lob fürs Gelungene der Einheit: Stadtkernsanierungen, Infrastruktur. Aber. Die Arbeitslosigkeit. Die sozialen Verwerfungen in Deutschland, unverkraftbar für die Gesellschaft. Die aberwitzigen Verdienste in der Wirtschaft, durch keinerlei Leistungsprinzip zu rechtfertigen. Die Asozialität des Kapitals. Daimler-Benz zahlt keine Mark an Steuern, und 100 Milliardäre gibt es in der Bundesrepublik.

Aaaah! stöhnt eine alte Dame vor Entsetzen. Betroffene Andacht ringsum. Sogar die rechten Glatzen haben ihre Trillerpfeifen weggesteckt und hören zu. Gysi empfiehlt, sie sollten mal vor der Deutschen Bank aufmarschieren statt vor den Asylantenheimen, bei den Schwächsten der Gesellschaft. Die Glatzen schieben ab, gewiß zur Deutschen Bank. Gysi fordert Vermögensabgabe und Umverteilung von oben nach unten. Sieben Jahre, ruft er, sah es so aus, als ob der Westen den Osten hochzieht. Das ist vorbei. Jetzt zieht der Osten den Westen runter. Die Menschen in den alten Bundesländern sollen darauf achten, was im Osten ausprobiert wird an Sozialabbau und Auflösung des Flächentarifvertrags. Dulden Sie keine Entsolidarisierung zwischen Ost und West! Helfen Sie dem Gerhard Schröder! Am 27. September beide Stimmen für die PDS! Die SPD braucht Druck von links, sonst vergißt der Gerhard Schröder glatt, wer August Bebel war!

Gelächter, Beifall, Autogramme. Ein älterer Mann hat die ganze Zeit ein Schild hochgehalten, Wellpappe am Besenstiel, krakelig bemalt: GYSI GERICHTLICH ANERKANNTER STASISPITZEL. Schon mit achtzehn hat er demonstriert, am 17. Juni 1953 in Berlin. Verhaftung, vier Jahre Zuchthaus, dann raus, nach Westen, jetzt endlich rehabilitiert. Aber die Zeit zwischen Räubern und Mördern brächte ihm keiner zurück.

Haben Sie den Kanzler hier auch reden hören?

Jaja. Der macht's mehr so väterlich, der Kohl. Der Gysi sagt's direkter. Hat ja in vielem recht, der gute Mann. Aber warum sagt er nichts von den Geldschiebereien der PDS?