Zur Zeit kann man es wieder schön deutlich und unverfälscht hören: das Plusquamperfekt in seiner neuen, unorthodoxen Anwendung. "Wo waren Sie im Urlaub gewesen?" - "Ich war in Dänemark gewesen." Die Zeitform für die vergangenste Stufe der Vergangenheit, die sogenannte Vorvergangenheit, wird zunehmend dort eingesetzt, wo die konventionelle Grammatik eigentlich nur das übliche Präteritum vorsieht ("Ich war da").

Die Ursprünge dieser kreativen Tempusverwendung liegen wohl im Raum Berlin sowie im Ruhrgebiet. Linguistische Beobachter berichten, sie sei dort seit langem vornehmlich in der Branche der Handwerker ("An der Waschmaschine war nix jewesen") üblich gewesen (sic!), und zwar in Kombination mit dem ebenfalls eigenwilligen "ebent" (anstelle von "eben"). Doch seit einigen Jahren, vielleicht im Zusammenhang mit der Maueröffnung, verbreitet sich die Emanzipation des Plusquamperfekts zügig über ganz Deutschland und in alle Zünfte und Bevölkerungsgruppen hinein.

Ist es der Hang zum Perfekten, zum Mehr-als-Perfekten? Oder das tiefe Wissen um die Vergänglichkeit alles Irdischen ("Gewesen, aus vorbei")? Ist es der ungestüme Tatendrang, der es erforderlich macht, daß zuvor das Vergangene abgeschlossen, und zwar ganz und gar abgeschlossen ist? Ist es der heimliche Drang nach Vergangenheitsbewältigung ("Das Dritte Reich war mal gewesen"), der nicht zur Ruhe kommt?

Oder ist es das unbewußte Streben nach dem so ganz anderen, nach der klassischen Literatur, nach der lateinischen Partizipialkonstruktion zum Beispiel, das schon im vergangenen Jahrhundert den Bayernkönig Ludwig I. (Vater von Ludwig Zwo) zu seinen berühmten, aber weit weniger eleganten sprachlichen Wendungen veranlaßte wie etwa derjenigen, er sei "ein nie ein schönes Gesicht gehabt habender Mann".

Wohl nicht. Eher beweist der Trieb zum Partizip, daß die Form einer Sprache nicht nur, aber auch durch das ästhetische Bedürfnis ihrer Sprecher determiniert wird. "J'étais en Italie." "I've been to Ireland." Wie rhythmisch klingt das! Dagegen das deutsche: "Ich war auf Sylt." Jeder halbwegs musikalische Mensch fühlt, daß da noch etwas fehlt. Der nette, kleine Schnörkel "gewesen" zum Beispiel macht aus dem hingebellten Stakkato erst eine gut swingende Zeile. So sorgt das Partizip Perfekt für einen wohllautenden Versfuß als Ausklang einer jeden Äußerung, eine Art Schmieröl für die Ohren. Und ist vielleicht auch umgekehrt für den Sprecher ein sanfter Abschied vom Redebeitrag. Manch einer trennt sich ja nur ungern davon, auch wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Das Plusquamperfekt als Ausdruck einer neuen Sensibilität.

Denkbar sind aber auch philosophische Gründe - immerhin enthält das Partizip eines der deutschen Lieblingswörter: Wesen! Man weiß ja dank Heideggers pointierter Formulierungskunst, daß der germanische Mensch zu "Sein und Zeit" ebenso wie zum "Wesen" (der Dinge und überhaupt) einen besonderen Draht hat. Im "gewesen" west uns das Sein in seiner Unbehaustheit an. Mehr noch: Vielleicht bricht sich hier Bahn, was Bergson in Zeit und Freiheit andeutet: "An Stelle einer heterogenen Dauer, deren Momente sich durchdringen, haben wir dann eine homogene Zeit, deren Momente sich im Raum aufreihen."

Wo wir doch schon die Orthographie mit der bloßen Entschlossenheit des freien Willens verändert haben, könnte man jetzt auch daran denken, die Grammatik zu renovieren. Wesentliche Texte unserer Kultur müßten natürlich umgeschrieben werden: die Bibel ("Am Anfang war das Wort gewesen"), der Kriminalroman ("Wo waren Sie gestern abend um zehn Uhr gewesen?"), die Werbung ("Ich war eine Dose gewesen"), das Märchen ("Es war einmal ... gewesen"). Die normative Kraft des Faktischen wird ohnehin dafür sorgen, daß sich das alles eines Tages von selber regelt. Schopenhauer bekämpfte noch die Verwischung der Grenzen zwischen Imperfekt und Perfekt ("war" vs. "bin gewesen"); heute kann kaum noch jemand den Unterschied zwischen beiden Formen nachempfinden.