Ich glaube, ich sollte jetzt auch einmal "ficken" schreiben, man steht unter einem gewissen Druck. "Was ist denn das für eine Sexkolumne", schrieb mir Leser H. aus M., "in der kein einziges Mal ,ficken' vorkommt! Hören Sie endlich auf, um den Brei herumzureden, oder ich kündige mein Abonnement!"

"Ficken"! Es tönt an sich nicht schlecht. Aber man darf den Leser mit einem solchen Wort nicht allein lassen; wer es schreibt, muß auch sagen, daß dessen Wurzel im lateinischen vicare liegt, das heißt stellvertreten. Wenn wir Vikar schreiben, meinen wir jemanden, der den Pfarrer vertritt, wenn dieser an einer Lungenentzündung erkrankt ist. Ursprünglich "vikarisierte" der Vikar, aber im vorreformatorischen Mittelalter machte das Wort eine bösartige Lautverschiebung durch. Es herrschte eine allgemeine Entrüstung über den liederlichen Klerus, so daß "vikarisieren" im Volksmund zu "fickarisieren" wurde. Aber Obacht! Wenn ein Bauer im Jahr 1516 seiner Frau in der Kirche zuzischte: "Schau ihn nicht an, den vermaledeiten Vikar, der will dich doch nur fickarisieren!", meinte er nicht das moderne "ficken" der Wohlstandsgesellschaft, sondern die Unsitte der damaligen Vikare, Bauersfrauen um einen Krug Wasser zu bitten, wenn der Mann auf dem Feld war. Zum Trinken setzten sich die Vikare dann ans Kopfende des Tisches, um symbolisch den Platz des abwesenden Hausherrn einzunehmen. Zu mehr kam es in der Regel nicht.

Vorgestern machte ich einen kleinen Test. "Wissen Sie eigentlich", fragte ich Intellektuelle, die begeistert aus dem Theaterstück "Shoppen & Ficken" kamen, "daß unser ,ficken' eine Kurzform von ,ficksieren' ist, die sich während der Französischen Revolution einbürgerte, als sich Hunderte von Vikaren in der Pariser Kanalisa-tion vor den Jakobinern versteckten?" Reihum war die Antwort: "Nö, und ist mir auch egal!"

Je öfter die Leute in der Zeitung "ficken" lesen oder es im Theater hören, desto weniger interessiert sie die wechselvolle Geschichte dieses Wortes. Schade, denn wenn man mit alten Vikaren spricht, ist es, als ginge eine Schatztruhe auf. Ich besuchte einen in Magdeburg; er zeigte mir in Lateinisch verfaßte Schriften aus dem späten 18. Jahrhundert, der sogenannten Kanalisationszeit der französischen Vikare. "Sie schrieben ,vic' und nicht ,vicare'", erklärte mir der alte Vikar, "sehen Sie? Das heißt, sie verwendeten schon 1789 die moderne Form ,ficken!'"

Trotzdem kann man sich fragen, ob es wirklich notwendig ist, in einer Kolumne ein mehr als 200 Jahre altes Wort zu benutzen. Mein Vorschlag: Interessierte Leser können es bei mir bestellen, und ich schicke ihnen das Wort dann handsigniert per Nachnahme.