In diesem Herbstsemester findet an der Universität Princeton bei Professor Froma I. Zeitlin ein Seminar statt, das von "Texten und Bildern des Holocaust" handelt. Bedeutende Werke aus Literatur und Film über das "traumatischste Ereignis in der Geschichte des Westens" (Vorlesungsverzeichnis) sollen dabei analysiert werden - mit "besonderem Hinblick auf das Problem der Zeugenschaft". In der Leseliste findet sich neben Werken von Primo Levi und Elie Wiesel auch das Buch eines Autors, der dieser Tage Schlagzeilen macht: Binjamin Wilkomirskis "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948".

Sollte sich erhärten lassen, was neuerdings in Zeitungsberichten über Wilkomirski zu lesen ist, dann könnte sich dem Seminar das "Problem der Zeugenschaft" in einer ungeahnt peinlichen Weise stellen. Die Zürcher Weltwoche hat nämlich Recherchen über den Autor angestellt, die sein Buch, das vermeintliche Zeugnis eines Überlebenden, in den dringenden Verdacht gebracht haben, eine Fiktion zu sein. Wilkomirski, behauptet der Journalist Daniel Ganzfried, habe seine jüdische Identität frei erfunden. Er sei als uneheliches Kind einer Yvonne Berthe Grosjean geboren und nach einigen Jahren im Waisenhaus Adelboden von dem Zürcher Ehepaar Doessekker adoptiert worden. Wilkomirski könne nicht, wie er es in seinem Buch schildert, als jüdisches Kleinkind in Riga, Krakau und Majdanek gewesen sein. Aus den Akten der Schweizer Behörden, so Ganzfried, lasse sich ein lückenlos einheimischer Lebenslauf rekonstruieren.

Die Literaturkritik hat die "Bruchstücke" seinerzeit mehrheitlich mit fast religiöser Ehrfurcht aufgenommen. Vor einem Buch, das offenbar "das Gewicht des Jahrhunderts" (so damals die Neue Zürcher Zeitung ) zu tragen hatte, verblaßten alle skeptischen Fragen. Hier und da wurde angemerkt, daß die Gewalt- und Horrorszenen aus den Lagern ein wenig zu klar und zu effektvoll wirken - wie "auf der Couch eines Psychoanalytikers rekonstruierte Alpträume eines Traumatisierten" (Süddeutsche Zeitung). Da kriechen Ratten aus Frauenbäuchen, Hirnmasse quillt aus Babyschädeln, und Blut schießt den Opfern in mächtigen schwarzen Fontänen aus den Hälsen. Man hielt sich aber mit weitergehenden Zweifeln an der Authentizität zurück, denn schließlich bürgte hier ein leibhaftiger Leidender, ein stets bescheiden und leise auftretender Mensch, für die Wahrheit seines Textes. "Was sich im einzelnen tatsächlich zugetragen hat, spielt deshalb eine untergeordnete Rolle", resümierte damals Eva-Elisabeth Fischer in der SZ: "Denn die Bruchstücke der Erinnerung sind Binjamin Wilkomirskis Wahrheit."

Im Namen dieser Wahrheit ist der Autor seither weltweit auf Fachkongressen, bei Lesungen und vor Schulklassen aufgetreten. 1996 ist er in den Vereinigten Staaten mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnet worden, nicht in der Sparte Literatur, sondern im Genre "Autobiographie/Erinnerung". Dieser Ehrung waren auch in US-Medien enthusiastische Besprechungen vorhergegangen. Die Rezensentin der New York Times sprach von einer "dunklen proustianischen Erinnerung" und "poetischen Vision" im "kindlichen Stand der Gnade". Der Kritiker des linken Magazins The Nation erklärte gar, das Buch sei "so bewegend, von solcher moralischen Bedeutung und so frei von literarischer Künstlichkeit, daß ich mich frage, ob ich überhaupt das Recht habe, mein Lob vorzubringen.... Dieser Mann hat überlebt - wir wissen nicht, wie, seine geistige Gesundheit scheint ein Wunder - und er überläßt dieses Geschenk von nahezu perfektem Schmerz einer Welt, die immer noch bereit ist, die Unschuldigen zu zerstören."

Nicht nur die Literaturkritik, auch die Wissenschaft glaubte bald, ein unerhörtes Dokument vor Augen zu haben. Der Historiker Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, attestierte den "Bruchstücken" noch vor kurzem in der ZEIT (Nr. 37/98) "nicht nur Authentizität, sondern auch literarischen Rang". Wilkomirskis "Bruchstücke" seien "eine Darstellung, die dem Leser nachvollziehbare Einsichten in die komplexe Tragödie vermittelt wie kaum ein anderes Dokument". James Young, ein international anerkannter Experte in Sachen Holocaust-Gedenken, nennt das Buch auf unsere Nachfrage hin "ein wunderbares Zeugnis". Mit den Ermittlungen der Weltwoche konfrontiert, zieht Young sich vorerst auf die Position zurück, der "literarische Wert" des Buchs bleibe doch wohl unberührt von der Biographie des Autors.

War das Lob für Wilkomirski nur eine Form der Abwehr?

Leider ist dieser bequeme Weg, den peinlichen Fall auf das neblige Terrain des Ästhetischen zu verschieben, blockiert - und zwar vom Autor selbst. Es ist nicht möglich, den Streit um Wilkomirski auf die Frage zu beschränken, ob sein Buch nach "rein literarischen" Kriterien etwas taugt. Der Autor selber versucht sich mittlerweile auf die Literarizität seines Textes zurückzuziehen, wie aus einem Interview mit dem Zürcher Tages-Anzeiger hervorgeht: "Jeder Leser", so Wilkomirksi, "kann dem Nachwort des Buches entnehmen, daß meine Papiere nicht mit meinen Erinnerungen übereinstimmen. Ich kann also nur diese Erinnerungen einer nahtlosen schweizerischen Identität entgegenhalten. Das war von Anfang an klar. Diese Vorwürfe sind nichts Neues. Es stand dem Lesenden immer frei, mein Buch als Literatur oder als persönliches Dokument wahrzunehmen."

Man könnte übrigens auch am Text zeigen, daß eine rein ästhetische Lesehaltung vom Autor selber unterminiert wird. Es ist ja kein Zufall, daß alle Rezensenten den Text als bewegendes Zeugnis bewertet und stilistische Skrupel - von der Drastik des geschilderten Leidens überwältigt - beiseite geschoben haben. Bei solcher Reserve sind höchst respektable Motive im Spiel: das Schuldbewußtsein der Nachfahren der Täter (aber auch der Opfer), der Wunsch nach symbolischer Wiedergutmachung, die Selbstverpflichtung zum Eingedenken - kurz gesagt all jene Verhaltensdispositionen, die gerne als "Betroffenheit" verspottet werden. Wilkomirski ist ein Virtuose darin, die aus dieser Haltung entspringende Unsicherheit auszunutzen. Aber man würde sich den Fall zu leicht machen, wenn man ihn auf einen geschickten Betrug reduzieren wollte. So einfach liegt die Sache nicht. Denn es ist zwar schmerzhaft, aber es tut auch merkwürdig gut, einen solchen grausigen Text lesend zu ertragen und ihn dann einer vermeintlich unwilligen Öffentlichkeit anzuempfehlen wie eine bittere Medizin. Es schmeichelt der moralischen Eitelkeit des Kritikers, einen Text voll derartiger Schrecken mit gleichsam versagender Stimme zu loben. An solchen Auftritten voller Schuldstolz ist etwas faul. Man könnte den Fall Wilkomirski vielleicht zum Anlaß nehmen, sich darüber Rechenschaft zu geben. Es hat nichts mit Respekt vor den Überlebenden des Holocaust zu tun, wenn man ihre Texte mit einer Art automatischer Ergriffenheit aufnimmt. Um es noch polemischer zu sagen: Man sollte sich der Frage aussetzen, ob die reflexhafte Angerührtheit, die Wilkomirski entgegenschlug, nicht eigentlich eine subtile Form der Abwehr ist.

Adorno hat einmal mit selbstkritischem Blick auf sein berühmtes Auschwitz-Diktum gesagt: "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben." Gerade wer ein Interesse daran hat, dieses Recht zu verteidigen, dem muß auch an der restlosen Klärung der Identität von Wilkomirski/ Doessekker/Grosjean gelegen sein. Von verschiedenen Seiten wurde die Befürchtung geäußert, die Enthüllung könnte, wenn sich Ganzfrieds Behauptungen endgültig bestätigen ließen, politisch fatale Wirkungen haben. Muß diese Geschichte nicht Auschwitz-Leugnern und Antisemiten Auftrieb geben? Wäre die Überführung des vermeintlichen Opfers als Scharlatan nicht ein willkommener Anlaß für die Schweiz, sich entlastet zu fühlen - gerade jetzt, wo dort durch äußeren Druck endlich die Auseinandersetzung mit der historischen Schuld in Gang gekommen ist? Die Redaktion der Weltwoche erhält derzeit viele Leserbriefe, die solchen Sorgen Ausdruck geben. Sie sind unbegründet: Die Auschwitz-Leugner haben auf Wilkomirski nicht warten müssen, um ihren Wahn zu pflegen. Und wenn sich die "Bruchstücke" als bloße Opferphantasie erweisen sollten, so werden damit die Zeugnisse, Gedichte und Romane wirklicher Opfer nicht diskreditiert. Ein dauerhafter Schaden kann nur dadurch entstehen, daß der Status des Textes ungewiß bliebe, wie sein Autor es jetzt wünscht. Daß es jedermann freisteht, an die Authentizität der Berichte über den Holocaust zu glauben oder nicht zu glauben - dies ist ja gerade die zynisch-entspannte Position der modernen Revisionisten, die die Lektion der postmodernen Erkenntnistheorie gelernt haben.

Wilkomirskis neue Unentschiedenheit über den eigentlichen Charakter seines Buches steht übrigens in krassem Widerspruch zu seinem öffentlichen Auftreten in den vergangenen Jahren. Weil er dabei weite Kreise gezogen hat - von den Hilfsorganisationen der Opfer über die psychotherapeutische Helferszene bis zu historischen Fachkongressen -, ist dies keine Affäre, die den Literaturbetrieb allein betrifft. Raul Hilberg, der Pionier der Holocaustforschung, erinnert sich in einer Stellungnahme, um die wir ihn gebeten haben, an seine erste Begegnung mit dem Autor der "Bruchstücke": "Auf Wilkomirskis Buch wurde ich zuerst durch Professor Lawrence Langer aufmerksam gemacht, ein Spezialist für die Literatur des Holocaust. Wir waren in einem Flugzeug auf dem Weg zur einem Kongreß der Notre-Dame-Universität, wo Wilkomirski einer der Sprecher sein sollte. Langer hielt die ‰Bruchstücke' für einen sehr guten Roman. Als ich Wilkomirski traf, fragte ich ihn, ob das Buch Fiktion sei. Seine Antwort war ein entschiedenes Nein - seine Erzählung sei ein Buch der Erinnerung. In seiner Rede faßte Wilkomirski den Inhalt des Buchs zusammen und fügte Details hinzu, zum Beispiel daß er kürzlich nach Riga gereist sei und das Haus habe identifizieren können, in dem er gelebt habe. Oder daß er in Majdanek in Feld 5 untergebracht gewesen sei. Seine Rede wurde mit stehenden Ovationen aufgenommen. Beim Lesen stieß ich auf Passagen mit detailliert beschriebenen Vorfällen, die mir sehr unwahrscheinlich oder völlig unmöglich erschienen. Die Beschreibung von Partisanenbanden und deutschen Panzern in Polen war eindeutig eine Erfindung. Die deutsche Frau in Uniform mit Stiefeln erinnerte mich an Lina Wertmüllers Film ‰Sieben Schönheiten' ... Wenn er dort [in Majdanek] außerhalb von Feld 5 gespielt haben will und eine SS-Wache ihn gegen eine Betonmauer geschleudert haben soll, dann muß er am Krematorium gewesen sein, wieder eine völlig unwahrscheinliche Situation. Es wird nahegelegt, daß er dann nach Auschwitz überstellt worden sei; mir ist jedoch keine Aufzeichnung über die Überführung jüdischer Kinder aus Lublin bekannt. ... Schließlich, bereits in der Schweiz, ißt er Käserinden, wie jemand, der in einem Konzentrationslager unerwartet auf Eßbares stößt. Da müssen aber mindestens zwei Jahre seit seiner Befreiung vergangen sein, und er wäre dann also neun, mit der Reife eines Jungen in diesem Alter. Wie Sie sich vorstellen können, war ich nicht der einzige, der sich über die Geschichten in dem Buch wunderte. Ironischerweise waren die Skeptiker keine Holocaust-Spezialisten. ... Die Frage ist: Wie konnte dieses Buch als Autobiographie in mehreren Verlagen durchgehen? Wie konnte es Wilkomirski Einladungen vom Holocaust-Museum der Vereinigten Staaten ebenso wie von anerkannten Universitäten einbringen?"

Im Washingtoner Holocaust-Museum liegt, wie man per Internet im Archivsystem erfahren kann, seit September 1997 auf sechs Videokassetten ein oral history- Interview mit Binjamin Wilkomirski vor (Archiv-Nummer RG-50.030*0385). Auch Steven Spielbergs "Survivors of the Shoah Visual History Foundation" hat den Zeitzeugen Wilkomirski in ihre Videosammlung aufgenommen, wie Recherchen der Redaktion "Kulturzeit" (3Sat) ergeben haben. In der israelischen Forschungsstätte Jad Vashem sind nach Auskunft des Suhrkamp Verlags "die Lebensgeschichte Binjamin Wilkomirskis und der Suchantrag nach seinen Eltern ohne Einspruch aufgenommen worden". Daran ist zunächst weiter nichts Verwunderliches, denn es gibt ja unbestritten Fälle von sogenannten "Kindern ohne Identität". Jüdische Waisen sind nach dem Krieg in Gastfamilien gegeben worden, wo ihnen oftmals ihre wahre Herkunft verschleiert wurde. Ob Binjamin Wilkomirski vielleicht doch berechtigterweise weltweit als Paradefall für dieses Schicksal gilt, muß jetzt dringend geklärt werden. Dies scheint, unter dem Druck der Berichterstattung über seine zweifelhafte Identität, nun auch der Held des Dramas so zu sehen: Am vergangenen Dienstag ließ Wilkomirski durch seinen Verlag erklären: "Ich bitte die Bergier-Komission, die das Verhältnis der Schweiz zu den Juden in den vierziger Jahren untersucht, auch meine frühen Jahre zu erforschen. ... Ich gewähre ausschließlich dieser Komission Auskunft und rückhaltlosen Zugang zu allen verfügbaren Dokumenten unter Einbeziehung auch der Forschungsstelle 'Kinder ohne Identität' in Jerusalem. Ich bitte die Bergier-Komission um Kontaktaufnahme."

Es gibt ein öffentlich zugängliches, in der bisherigen Diskussion des Falles aber noch nicht berücksichtigtes Dokument, das wenig Hoffnung auf eine glückliche Wendung macht. Im November 1997 hat der Autor bei einem Kongreß über Holocaust-Traumata in Wien zusammen mit dem israelischen Psychologen Elitsur Bernstein ein Referat gehalten: "Die Identitätsproblematik bei überlebenden Kindern des Holocaust. Ein Konzept zur interdisziplinären Kooperation zwischen Therapeuten und Historikern". Darin werden die erstaunlichen Erfolge einer Therapie geschildert, die früheste Kindheitserinnerungen - sogar aus der vorsprachlichen Phase - noch aus einem Abstand von fünf Jahrzehnten korrekt zu rekonstruieren in der Lage sei. Als "therapeutische Grundhaltung" wird in dem Referat folgendes empfohlen: "Wie bereits erwähnt, soll der Therapeut die vom Klienten vorgetragenen Erinnerungen als Hinweis auf seine vergangene ‰äußere Realität' akzeptieren und ihn in seiner weiteren Erinnerungsarbeit unterstützen. ...

Die Geburt der Erinnerung aus dem Geist der Therapie

Dabei muß der Therapeut dem Klienten zur Ermutigung immer wieder bestätigen, daß seine Erinnerungen als Bestandteile einer historischen Realität angehört und aufgenommen werden. ... Man muß sich als Therapeut stets vor Augen halten, wie sehr Einzelreminiszenzen für den Klienten ‰Lebenssinn' und ein Stück ‰Identität' bedeuten!" Es bedarf bei dieser Form der Psychotherapie, wie die Autoren ausführen, der Zusammenarbeit des Psychologen mit einem Historiker, um die oft vagen Erinnerungssplitter der Patienten im richtigen Kontext einzuordnen. Das klingt auf Anhieb sehr einleuchtend. Wer jedoch Wilkomirskis Buch kennt, den wird es im Fortlauf des Referats schaudern. Denn erstens stammen alle Beispiele für das Gelingen der Therapie aus ebendiesem Buch. Wenn hier dreimal von "einem Klienten" die Rede ist, wodurch der Eindruck erweckt wird, es sei von mehreren Personen die Rede, so verbirgt sich dahinter doch jedesmal nur Bruno Doessekker, das abgelegte Alter ego des Binjamin Wilkomirski. Und es scheint, als sei der in der Therapie Doessekkers maßgeblich zu Rate gezogene "Historiker" wiederum niemand anders als Binjamin Wilkomirski ("Ostrava University, Czech Republic"). Man bekommt hier einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Buches. Es ist gezeugt worden aus dem Geist einer anmaßenden Psychotherapie, die sich zutraut, Lebenssinn und gar eine "Identität" zu erzeugen, indem sie als "historische Wirklichkeit" akzeptiert, unterstützt und bestätigt, was auch immer vom Klienten vorgebracht wird.

Was sagt uns der Fall Wilkomirski nach all dem bisher Bekannten über das Problem der Zeugenschaft? Darüber muß nun geredet werden, denn in absehbarer Zeit werden uns keine leibhaftigen Zeugen des Holocaust, sondern nur noch ihre Zeugnisse zur Verfügung stehen, wenn wir uns der historischen Wahrheit vergewissern wollen. Raul Hilberg glaubt, daß hier ein grundsätzliches Problem unserer heutigen Erinnerungskultur zutage tritt: "In der jüdischen Gemeinde gibt es seit langem eine Vorliebe für die Idee, daß die Geschichte des Holocaust aufgrund jüdischer Quellen geschrieben werden muß. Nur solches Material stelle die Härte der deutschen Maßnahmen gegen die Opfer detailgenau dar. Es gibt allerdings sehr wenige jüdische Dokumente, und die meisten davon sind Unterlagen wie die Berichte der Judenräte an die deutschen Behörden, die sich bis heute in den deutschen Archiven befinden. Was bleibt, sind die Aussagen der Überlebenden, ihre Memoiren inbegriffen. In den letzten Jahren ist die Suche nach diesen Überlebenden organisiert und mit Eifer betrieben worden. Ein wahrer Kult des Zeugnisablegens hat begonnen. Jetzt, da diejenigen auszusterben beginnen, die die Katastrophe als Erwachsene erlebt haben, wenden sich die Interviewer und Lektoren den überlebenden Kindern zu. Bald werden wir dann auch Erzählungen von den Kindern der Überlebenden bekommen, und diese Nachkriegskinder werden die Geschichte aus zweiter Hand erzählen. Kein Wunder, daß Wilkomirski sich unter die Menge mischen konnte. Sein Erscheinen war nahezu unvermeidlich."