In Watou war kein Zimmer mehr frei. Darum landete ich neulich in Ypern. Kam aus Watou, dem 2400-Seelen-Dorf in der Westecke Belgiens, das sich im Sommer in ein Fest der Poesie und der Kunst verwandelt, hatte erlebt, wie (der ehemalige documenta-Macher) Jan Hoet in einem ausgeräumten Kuhstall über die Bedeutung von Verlust für die Kunst der Gegenwart meditierte, und war an sanften Hügeln vorbei durch Flanderns Felder gefahren. Weizen wächst da, Zuckerrüben reifen, Kälber grasen, Mohnblumen blühen, und unter und neben den fruchtbaren Feldern liegen die Toten aus dem "großen Krieg".

Vor 84 Jahren wurde Ypern "die berühmteste Stadt an der westlichen Front".

Ein Meldegänger namens Hitler fuhr mit dem Fahrrad durch die Gegend, bewunderte die Türme von Ypern, die feinen Spitzen und Tuche, die freundlichen flandrischen Mädchen und die sparsamen flandrischen Bauern, die selbst die Pferdeäpfel der durchziehenden deutschen Truppenpferde auflasen, um ihre Felder zu düngen. Vor 80 Jahren lag Ypern in Schutt und Asche. Über eine halbe Million Soldaten waren innerhalb von vier Jahren im Westen, in den Gräben von Europas "Menschenschlachthaus", gefallen.

Neulich in Ypern standen die Türme und Tore wieder da, aufgebaut wie ein Zitat aus goldenen Zeiten, die Patrizierhäuser in der Runde des Marktplatzes, die Kathedrale und die Tuchhallen der frühkapitalistischen Kaufleute, so als wollten sie sich in Eintracht ergänzen zwischen den grünen Lichtschatten der Alleen unter einem Sommerhimmel, der sich, im August und September, manchmal wie ein leuchtendblauer Madonnenmantel über die Stadt wölbt.

Im Garten des Hotels am Rande der Stadt, gleich gegenüber der Bar de L'Abbatoire, sitzen am Abend einige britische Historiker vor belgischem Bier und einer Generalstabskarte. Diskutieren Strategie und Taktik, vergleichen die Erkenntnisse ihrer Feldforschung am "Hill 61", steiten sich um militärische Nuancen, sprechen von Daten, Zahlen, Waffen.

Und während sie trinken und reden, denke ich an die Menschen, die damals mit diesen Waffen im Schlamm der Schützengräben lagen und hier im Bogen um Ypern lernen sollten, Unmenschen zu werden. Und an die zehn Tage zwischen dem 24.

Dezember 1914 und dem 2. Januar 1915, als zwei Drittel aller Soldaten beider Seiten an der westlichen Front sich weigerten, einander zu schinden und zu erschießen.