Tha Chang heißt "Elefantenpfad". Nur der Name des Dorfes erinnert daran, daß hier, im armen Nordosten Thailands, vor wenigen Generationen noch Dschungel standen, aus denen die Elefanten dicke Teak- und Rosenholzstämme schleppten. Mit den Wäldern verschwanden die Dickhäuter. Hinter den alten Holzhäusern auf Stelzen und den neuen, ebenerdigen Gebäuden aus Stein glitzern in der Monsunzeit die Reisfelder. Es sind Dörfer wie Tha Chang, die mit ihren billigen Arbeitskräften das Wirtschaftswunder nährten, das Thailand seit Mitte der achtziger Jahre die höchsten Wachstumsraten der Welt bescherte: Hunderttausende verließen ihrer Familien und zogen auf die Baustellen und in die Fabriken der Städte. Dort verdienten sie das Geld für den Schulbesuch ihrer Geschwister, für einen Kühlschrank oder ein neues Dach auf dem Elternhaus.

Auch Sombat Sonthang, der vor seinem kleinen Nudelstand an der schlammigen Hauptstraße von Tha Chang auf Kunden wartet, war einst nach Bangkok gezogen, um sein Glück zu machen. Doch nun hat die Wirtschaftskrise, die vor 14 Monaten zuerst über Thailand hereinbrach und sich seitdem durch die ganze asiatische Region frißt, seine Träume zerstört. Alles, was er sich in 20 Jahren erarbeitet hat, ist verloren. Wie Zehntausende andere Opfer der Rezession ist er in sein Dorf zurückgekehrt.

Schon als Kind wußte Sombat, daß er nicht wie seine Eltern leben wollte: "Cassava und Reis pflanzen, heiraten, Kinder kriegen, alt werden" - das war seine Sache nicht. Mit 14 setzte er sich in den Bus und fuhr eine Tagesreise nach Bangkok. Zielstrebig arbeitete sich der Bauernjunge nach oben. Er wurde Küchenhelfer, Kellner, Oberkellner, Manager eines Coffee-Shops und schließlich Geschäftsführer einer populären Bar.

Sombat gelang es nur selten, seine Eltern in Tha Chang zu besuchen, aber wie alle Abwanderer schickte er Geld nach Hause. Gleichzeitig sparte er für ein eigenes Restaurant mit Bar, Karaoke, Billard, schönen Frauen und einer Live-Band. "Ich wußte, ich würde es schaffen, weil ich mich beruflich gründlich qualifiziert hatte", erinnert sich Sombat. 1997 hatte er 500 000 Baht (fast 30 000 Mark) zusammen und genug Teilhaber, die ihm ihr Geld anvertrauten.

Seine Kneipe war gerade eröffnet, als die Krise begann. Erst bestellten die Kunden weniger Getränke, dann blieben sie ganz weg. Die Schulden wuchsen, nach einem halben Jahr war Sombat pleite. Ein paar Wochen versuchte er noch, sich in Bangkok durchzuschlagen. Doch die Konkurrenz der arbeitslosen Bankangestellten, Fabrikarbeiter und Verkäuferinnen, die an kleinen Imbißständen Nudeln, Sate-Spießchen oder Obstsäfte feilboten, war zu groß.

Schließlich beschloß Sombat, nach Tha Chang zurückzukehren. "Ich hatte Glück", sagt er. Der Onkel überließ ihm umsonst den Platz neben seinem Haus an der Hauptstraße. Vom geretteten Rest seines Geldes konnten Sombat und seine schwangere Frau Malewan ein Häuschen, so groß wie eine Garage, bauen, mit der Nudeltheke davor. Viel zu verdienen ist in dem 2000-Seelen-Dorf nicht. Mehr als 100 Baht (knapp fünf Mark) am Tag nehmen die beiden selten ein.

Die Drogensucht breitet sich wie eine Epidemie aus