Selten texten Wissenschaftler so eindringlich wie eine deutsch-rumänische Arbeitsgruppe um den Karlsruher Geophysiker Friedemann Wenzel. "25 Sekunden für Bukarest" überschrieben sie ihr Referat, das sie in der vergangenen Woche im Geoforschungszentrum Potsdam hielten. Dort tagte eine internationale Konferenz über Frühwarnsysteme zur Risikominderung bei Naturkatastrophen.

25 Sekunden Zeit wollen Wenzel und seine Mitarbeiter den Einwohnern Bukarests durch eine frühzeitige Warnung verschaffen, wenn wieder einmal ein schweres Beben in den Südkarpaten die rund 130 Kilometer entfernte rumänische Hauptstadt durchrütteln sollte. 1977 starben bei einer solchen Erschütterung 1500 Menschen.

Der Plan beruht auf einer einfachen Überlegung: Vom Herd eines Bebens breiten sich nach allen Seiten Wellen unterschiedlicher Geschwindigkeit aus. Vornweg laufen P(Primär-)-Wellen, gefolgt von langsameren S(Sekundär-)-Wellen, die hauptsächlich die Zerstörungen anrichten. Also kommt es darauf an, zur Erdoberfläche vorgedrungene P-Wellen möglichst schnell in der Nähe des Herdes zu erfassen. Die Bebenwarnung, über Telefonleitung oder Funk übertragen, erreicht die Adressaten in Bukarest mit der Lichtgeschwindigkeit von 300 000 Kilometern pro Sekunde. Dagegen wühlen sich die zerstörerischen S-Wellen mit nur wenigen Kilometern pro Sekunde durch den Untergrund. Das Beben wird praktisch überholt.

Die Potsdamer Konferenz fand im Rahmen der International Decade for National Disaster Reduction statt, die von den Vereinten Nationen für 1990 bis 2000 ausgerufen wurde. Wegen steigender Verluste durch Naturkatastrophen hatte die Uno alle Länder zu besserer Katastrophenvorbeugung und stärkerem Schutz aufgefordert - mit bislang negativer Bilanz. Von einer "Dekade sich beschleunigenden Unglücks" sprach Außenminister Klaus Kinkel. Ursachen seien die Bevölkerungsexplosion, die Megastädte mit ihren extrem verletzlichen Slums sowie Umweltzerstörungen. Kongreßorganisator Jochen Zschau schätzte die Schäden infolge von Naturkatastrophen auf 700 bis 1000 Milliarden Mark in der nächsten Dekade. Für ein Zehntel dieser Summe ließen sich die Zerstörungen um die Hälfte reduzieren, sagte Zschau.

Frühwarnsysteme standen ursprünglich nicht auf der Dringlichkeitsliste, erst 1994 wurde ihre fundamentale Bedeutung zur Risikominderung herausgestellt.

Denn Flutkatastrophen bahnen sich über einen längeren Zeitraum an. Und tropische Wirbelstürme bauen sich über dem Meer allmählich auf, bevor sie an Land gehen, Satelliten können sie ständig verfolgen. Der Kurs läßt sich heute oft schon 72 Stunden im voraus recht genau bestimmen. Besonders schwer fallen Warnungen noch den Erdbebenforschern. So rumoren Vulkane zwar vor gefährlichen Ausbrüchen meist ausgiebig, aber gewöhnlich lassen sie sich Zeit, bis es zum großen Knall oder Beben kommt. Und manchmal schlafen sie wieder völlig ein. Noch schwierigere Probleme stellen sich bei Erdbeben. Die Forscher wissen zwar, wo die Erde schon häufig gewankt hat und wo sie es mit großer Wahrscheinlichkeit wieder tun wird. Doch das kann morgen sein, in einem Jahr, in fünfzig oder hundert Jahren. In Potsdam behaupteten lediglich chinesische Forscher, einige starke Beben richtig vorausgesagt zu haben, ohne sich freilich auf Einzelheiten einzulassen und Mißerfolge auch nur zu erwähnen.

Weil Vorhersagen extrem schwierig bleiben, nehmen die Seismologen den Wettlauf mit den Erdbebenwellen auf. Die unterschiedliche Geschwindigkeit der P- und S-Wellen wird schon seit längerem genutzt, um Schäden zu mindern. So werden beim ersten Rütteln Gasleitungen unterbrochen, Züge gestoppt und Industrieanlagen abgeschaltet. Nach dem Beben, das 1989 die Region von San Francisco heimsuchte, stellten Forscher über dem Bebenherd südlich der Stadt Geräte auf, die P-Wellen von Nachbeben registrierten und sofort Warnsignale sandten. Daher konnten Arbeiter, die in San Francisco aufräumten, rechtzeitig aus Ruinen flüchten.