Je mehr aus dem Privatleben amerikanischer Paare weltweit öffentlich wird, was man nicht hatte wissen wollen, um so deutlicher fällt der kleine Unterschied ins Auge: Bonn ist nicht Washington. Es ist eng, aber keine Tratsch- und Intrigenstadt. Das Private bleibt in der Regel Verschlußsache, wirklich terrorisiert mit dem Intimsten wird man von den Medien in der Bonner Republik nicht.

Sicher, es gibt Ausnahmen von der Regel. Konrad Adenauer kokettierte mit dem Wissen über das Privatleben seiner Minister (und nutzte es). Vor allem Willy Brandt galt - in bestimmten Etappen seines Politikerlebens - beinahe als vogelfrei. Das fing an mit seiner "unehelichen" Geburt, die von der CDU in den 50er Jahren politisch ausgebeutet wurde ("Willy Frahm"). Es setzte sich fort mit halböffentlichem Gemunkel über Brandts Frauengeschichten, zumal im Gefolge der Guillaume-Affaire, wobei für einige Gazetten das Abfallprodukt fast wichtiger war als die Sache selbst. Schließlich sein Leben mit Brigitte Seebacher-Brandt, alles Stoff für Bild und stern und andere Medien.

Bei Oskar Lafontaine handelte es sich um einen besonderen Fall. Seinen privaten Lebenswandel und das "Rotlichtmilieu" in Saarbrücken haben einige Blätter, voran der Spiegel, mit wahrer Inbrunst recherchiert. Aber viel Gedrucktes, das man sich merken müßte, kam nicht heraus. Nur gestörte Beziehungen blieben. Gerhard Schröders Fall liegt wieder anders. Er hat nicht sein Intimleben nach außen gewendet, aber Teile seines Privatlebens bewußt sichtbar und nutzbar gemacht. Über die Kochgewohnheiten der einen Gattin und die persönlichen Vorlieben der anderen wissen wir nun einiges mehr. Aber das ist eher inszenierte, nicht wirkliche Privatheit. Und damit kann man leben.

Joschka Fischer ist das Zierpflänzchen in diesem Gestrüpp. Er als einziger scheut sich nicht, gelegentlich auch vor Journalisten die Seelenqualen auszubreiten, die ihm seine Lebenskoalitionen bereiten. Nicht, damit darüber geschrieben wird, sondern damit man ihn ganz versteht - als gebe es zwischen drinnen und draußen, privat und öffentlich, keinerlei Differenz. Vielleicht verkörpert Fischer die letzte Erinnerung an die Zeit, in welcher auch alles Private als politisch galt, vielleicht hat er sich aber auch nur so aus der Patsche helfen können. Bonn privat: Ganz begreift man es nur, wenn man sieht und respektiert, bei wie vielen das Private im öffentlichen Leben völlig auf- oder untergegangen ist.