Kein Ort der Welt ist geeigneter, eine schaurige Geschichte anzusiedeln: Hochmoore, diese verlassenen, nassen Flecken Erde, in denen die Zeit stehenbleibt. Britische Erzähler haben sie zur literarischen Landschaft erhoben: Agatha Christie versenkt im "Bösen unter der Sonne" die erste Leiche im Moor, und Sir Arthur Conan Doyles Hund von Baskerville heult durch Nebel und Ödnis von Devonshire.

Aber auch die Moore selbst sind gute Geschichtenerzähler. Als Torfstecher während des Zweiten Weltkriegs wegen Kohleengpässen die Moore Nordeuropas aufzureißen begannen, machten sie mehrfach schreckliche Entdeckungen: geschundene Körper, eines gewaltsamen Todes gestorben, mit zertrümmerten Schädeln oder durchschnittenen Kehlen. Die Moorleichen schienen erst kürzlich gestorben zu sein. Tatsächlich aber hatten sie Jahrtausende im Morast gelegen.

Schuld an dieser Fehldatierung ist die Chemie der Moore. Sie bremst die Zersetzung der organischen Materie, erhielt etwa dem berühmten Tollund-Mann Stirnfurchen, Bartstoppeln und den Strick um den Hals und dem Grauballe-Mann den Fingerabdruck auf dem Daumen. Beide Ermordeten gingen nicht den Weg allen Fleisches, wurden nicht bakteriell zu Eiweißtrümmern und Aminosäuren zersetzt, weil das saure, sauerstoffarme Moorwasser den Bakterien das Leben schwermacht. Elementare Konservierungsarbeit leisteten Gerbstoffe (Tannine), die von Pflanzen produziert werden und Haut in zähes Leder verwandeln.

Doch moderne Datierungs- und Analysetechniken, mit denen auch die Polizei versucht, anonymen Leichen eine Identität zu geben, ermöglichten Forschern, die jahrtausendealten Geschichten zu rekonstruieren. Sogar dem Torf entlocken Geochemiker historische Inhalte - sofern sie die Sprache der Moore zu entschlüsseln wissen. Dort sind Spuren des Geschehens über der Erdoberfläche nicht nur gespeichert, sondern in Schichten ordentlich archiviert.

Die Codes dieser Sprache sind dem Laien ein Rätsel: Es sind unterschiedliche Konzentrationen von Schwermetallen, das Mengenverhältnis von Isotopen, Pollenansammlungen heutiger und längst ausgestorbener Pflanzen.

William Shotyk gehört zu jenen Wissenschaftlern, die Moore zum Sprechen bringen. In jahrelanger Arbeit hat der Geochemiker der Universität Bern die Bleiwerte des Hochmoors Etang de Gruère im Schweizer Jura analysiert. Und richtig gedeutet, erzählen die gesammelten Werte aus dem sauren Bodensatz des Tümpels vor der Bergkulisse einen Abriß der Zivilisationsgeschichte der Menschheit.

Diese Erzählung beginnt um das Jahr 4000 vor Christus in 225 Zentimeter Tiefe. Der Bohrkern mit der Nummer 2p13 sorgte in Shotyks Moorchronik für den entsprechenden Geschichtseintrag. Während der Forscher in größerer Bohrtiefe und damit in älteren Torfschichten noch das Ausklingen der Eiszeit, Staubwolken der austrocknenden Sahara oder den Ausbruch des Vulkans Vasset/Killian im französischen Zentralmassiv für Schwankungen im Bleigehalt verantwortlich machen konnte, ließ sich für die stete Zunahme ab Zentimeter 225 nur noch eine Hauptursache finden: Homo sapiens hatte im Holozän die Bühne betreten. Mit der Abholzung von Wäldern und damit einhergehenden Veränderungen der Landschaft wirbelte der Mensch so viel Staub auf, daß als erstes viel mehr Dreck in die Atmosphäre geriet. Und damit auch Blei.