Nein, um Eros geht es nicht in diesem Buch. Nicht um die Macht, die einmal durch Sapphos Glieder fuhr und seitdem im Namen der Hingabe die Weltliteratur bewohnt. Und erst recht geht es nicht um Liebe. Es geht um Sexualität - und damit um eine Frage, die überhaupt erst seit drei Jahrhunderten gestellt werden kann. Denn das, was wir Sexualität nennen, ist von der Rede über sie nicht zu trennen sie ist immer auch Effekt von Kommunikationen und Deutungen, sie ist etwas, über das uns der Therapeut oder der Eheberater aufgeklärt hat und über das wir in jeder Talk-Show parlieren können. Sexualität wurde zu einer anthropologischen Größe, die für unsere Selbstdefinition unverzichtbar wurde, als sie in diesem Jahrhundert Karriere machte. Nur, so kann man fragen, was geschieht, wenn diese Sexualität in der Literatur auftritt? Welche Funktionen übernimmt sie in der ästhetischen Phantasie? Wie erzählt man sexuelles Begehren und zu welchem Zweck? In ihrem Buch Sexuelle Poetik (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1998, 302 S., 24,90 DM) will Ina Hartwig anhand von vier Beispielen aus diesem Jahrhundert der einen Frage nachgehen: "Wie tritt das Denken der Sexualität in Erscheinung unter Bedingungen, die wir Literatur nennen?" Aber was meint das Denken der Sexualität? Das ist zunächst schlicht das Phantasieren über die Sexualität, die Skizze der Spuren, die ihre imaginative Kraft in der Literatur hinterlassen hat. In vier lesenswerten Einzelstudien widmet sich die Autorin den Romanen von Marcel Proust, Robert Musil, Jean Genet und Elfriede Jelinek. Denn "Denken der Sexualität" will letztlich heißen, daß Sexualität das ordnende Prinzip einer poetischen Logik ist - daher auch der Titel Sexuelle Poetik. Ein Abschnitt über Genets Romane Das Totenfest und Querelle de Brest, wie er in dieser unaufgeregten Form nicht alle Tage zu haben ist, zeigt wohl am deutlichsten, was darunter zu verstehen sein könnte, denn Genet buchstabiert Politik und Geschichte im Idiom der Homosexualität.

Denn nur so kann er im Totenfest seine Abrechnung mit dem "Dritten Reich" schreiben, gleichsam auf dem Schauplatz des männlichen Körpers. Das ist Genets Poetik, die hier unverwandt neben der Prousts, Musils und Jelineks steht. Allerdings, vier Poetiken ergeben nicht gleich eine Poetologie, zumal sie durch Vor- und Nachwort zu einer übergreifenden Thematik zusammengeheftet sind, die sich ohne philosophische und wissenschaftshistorische Bezugspunkte nur erahnen läßt.