Das Sensationsbedürfnis als konstitutives Element der Medienwelt hat nur scheinbar mit der Goldhagen-Debatte neue Maßstäbe gesetzt. "Erfolgreich" waren und sind Bücher aus der und über die Zeit des Nationalsozialismus immer dann, wenn die Darstellung und ihre öffentliche Rezeption im Einklang stehen mit den Bedürfnissen des Publikums. Dieser Einklang offenbarte sich vor Goldhagens Auftritt zuletzt in der öffentlichen Wirkung von Victor Klemperers Aufzeichnungen und zeigt sich nun in der medialen Inszenierung einer Anne-Frank-Biografie.

Das Besondere an den Tagebüchern der Anne Frank ist, daß sie nur die Vorhölle beschreiben, während die Autorin selbst in der Hölle ums Leben kam. So konnte eine heilige Aura entstehen, in der die Editionsgeschichte zur Sensationsgeschichte wurde und immer noch wird. Die Vermarktung der neuen Biografie bedient diesen Mechanismus mit Hinweisen auf "ein völlig neues Bild von Annes Verhältnis zu ihrer Mutter" durch den Fund "bislang geheimgehaltener, brisanter Dokumente" sowie die Ankündigung von "stichhaltigen Beweisen" für eine neue Verratstheorie.

In die Schlagzeilen kam die "Sensation" bereits vor der Buchpräsentation, als Cornelis Suijk, der Leiter des New Yorker Anne-Frank-Zentrums, internationale Pressekonferenzen als Auktionshalle für seine "brisanten Dokumente" nutzte.

Bei dieser Gelegenheit schrumpfte die "Sensation" auf ganze 74 Zeilen, die in den bisherigen Veröffentlichungen auf Ersuchen des Vaters aus Anne Franks Notizen vom 8. Februar 1944 gestrichen wurden. In der kritischen Ausgabe der Tagebücher von 1986 ist die Streichung vermerkt, und der Inhalt wird als "ein äußerst unfreundliches und teils unrichtiges Bild der Ehe ihrer Eltern" charakterisiert. Inzwischen wurde der volle Wortlaut der Streichungen in der niederländischen Zeitung Het Parool veröffentlicht und läßt kaum Schlüsse auf "ein völlig neues Bild" zu.

Als ein ähnliches Windei entpuppt sich die als zweite "Sensation" angekündigte neue Verratstheorie. "Stichhaltige Beweise" dafür, daß das Versteck von einer Putzfrau verraten wurde, gibt es ebensowenig wie für die bisherige These, daß der Denunziant ein Lagerarbeiter gewesen sein könnte.

Nach ihrem eigenen Bekunden wollte Melissa Müller mit ihrer neuen Anne-Frank-Biografie der "Heiligsprechung eines Mythos" entgegenwirken und ein Mädchen "aus Fleisch und Blut" zeigen. Doch seitdem es mehrere authentisch übersetzte und kritische Tagebuchversionen gibt, die nicht mehr schönfärberisch die Ecken und Kanten glätten, kennt man Anne bereits als ein sich wehrendes und recht respektloses Mädchen, das sich selbst als ein "Bündel Widerspruch" bezeichnete. Die Faszination ihrer Aufzeichnungen erklärt sich aus einer Mischung von Begabung, moralischer Kraft, ungebrochener Kinderfröhlichkeit und romantischen Pubertätssehnsüchten. Daß Anne Frank ein Lebewesen aus "Fleisch und Blut" war, hat übrigens bereits vor vierzig Jahren der Schriftsteller Ernst Schnabel mit seiner biografischen Skizze Anne Frank. Spur eines Kindes gegenüber den damaligen Fälschungsvorwürfen nachgewiesen. Auch die Darstellung der Lebenswelten außerhalb des Hinterhausverstecks (Familie, Frankfurt, Merwedeplein, Krieg, Kollaboration und Solidarität) sowie Versuche einer Nachzeichnung der letzten sieben Leidensmonate sind in Ausstellungen und Filmen (zuletzt durch Willy Lindwer) bereits dokumentiert.

Melissa Müller hat versucht, dieses alles zusammenzufassen und zum Teil auch zu ergänzen. Das ist zweifellos ein Verdienst - allerdings keine Sensation.