In der jüdisch-christlichen Sphäre (vergessen wir für heute einmal die Muslime) wachsen männliche Kinder in dem Glauben oder in der Ahnung auf, sie seien der Messias. Etwas ganz Besonderes. Sie bekommen das praktisch mit der Muttermilch geliefert. Es sind die Mütter, die ihnen dieses Bewußtsein ein für allemal auf ihre selbstbewußte Lebensbahn mitgeben: Männer sind generell etwas ganz Besonderes, und sie - jeder einzelne von diesen Muttersöhnchen - sind ganz besondere Männer. Während Frauen die geringeren Werkzeuge des Herrn sind, hauptsächlich gemacht zum Vögeln und zum Putzen.

Philip Roth - ein klassischer Macho, wenn es je einen gegeben hat - beginnt seine Anatomiestunde mit einem Zentralstück der Nationalhymne aller Machos und Muttersöhnchen: "Jeder Kranke verlangt nach seiner Mutter. Wenn sie nicht da ist, muß er sich mit anderen Frauen begnügen. Bei Zuckerman waren es vier andere Frauen."

Und so geht das weiter und fort und fort in alle Ewigkeit. Der Messiastick hat sich schon längst aus seinem religiösen Zusammenhang gelöst und existiert als bedingter Reflex fort bis hin in die Höhen oder die Niederungen (man weiß das nie so genau) des deutschen Feuilletons. Aber die sollen uns heute nicht lange interessieren. Heute und hier geht es um Norman Mailer und seine Erzählung des Evangeliums, genauer gesagt, um eine Version des Neuen Testaments, die von Jesus selbst erzählt wird. Das hat mich nicht besonders überrascht. Wenn jemand noch mehr als Philip Roth von seinem auserwählten Status als Mann & Messias überzeugt ist, dann Norman Mailer.

JesusChristusNormanMailer! war das erste, was mir durch den Kopf ging, als ich von dem Buch hörte. Aber schließlich hat Mailer über Muhammad Ali geschrieben, über Marilyn Monroe und über Picasso. Über Leute, für die es seit einiger Zeit in manchen Kreisen den Begriff "Ikonen" gibt. Das konnte eigentlich nur noch überboten werden durch die Ikone schlechthin, durch Jesus: Ich, Jesus von Nazareth. Ich, Norman Mailer aus Brooklyn. Und dahinter natürlich die alte Dschungelweisheit: Ich Tarzan, du Jane.

Das, ungefähr, hatte ich erwartet. Und dann kommt dieser laute, barocke, jüdische Schriftsteller Norman Mailer und schreibt ein wunderbar einfaches, ruhiges, selbstbewußtes Buch in der Stimme dessen, der sich selbst als Menschensohn bezeichnet hat und den die Christen auch so nennen. "Obwohl ich nicht sagen möchte", heißt es gleich auf der ersten Seite, "daß Markus' Evangelium falsch ist, enthält es viel Übertreibung. Und noch weniger traue ich Matthäus und Lukas und Johannes, denn sie legten mir Worte in den Mund, die ich nie ausgesprochen habe, und schilderten mich als sanftmütig, während ich fahl vor Zorn war. Ihre Worte wurden viele Jahre nach meinem Hinscheiden aufgezeichnet und wiederholten nur, was alte Männer ihnen erzählt hatten.

Sehr alte Männer. Auf solche Geschichten kann man sich nicht mehr stützen als auf einen Busch, der, von seinen Wurzeln losgerissen, im Winde schwankt."

Menschensohn, habe ich gerade gesagt, aber das war er nur zur Hälfte. Und sein Menschenvater, der nicht sein Vater war, konnte das nicht begreifen.