Ich bin 1930 in Breslau geboren und konnte die Stadt im Zuge der Kinderevakuierung verlassen, noch bevor sie zur Festung erklärt wurde.

Die größte Anzahl der Polen, die Schlesien, nachdem die meisten Deutschen geflüchtet waren, besiedelten, waren ebenfalls Aus-/Umsiedler aus Lemberg und den umliegenden Gebieten. Diese Menschen haben das gleiche Schicksal der Vertreibung erfahren wie die deutsche Restbevölkerung, soweit sie nicht zuvor geflüchtet war. Diese polnische Bevölkerung, die nach Schlesien zwangsweise umgesiedelt wurde, ist nicht gleichzusetzen mit der polnischen Bevölkerung Stammpolens mit der Hauptstadt Warschau. Können wir hier einen Ansatz finden, um zu einer humanen Verständigung zu kommen?

Unser Bauernhof in der Gegend um Trachenberg wurde von unserer Familie vor Kriegsende verlassen. Als ich nach 35 Jahren zum ersten Mal wieder in meine Heimat fuhr, waren die Begegnungen mit den dort inzwischen heimisch gewordenen Menschen ergreifend. Unser Familienname ist Illguth, nun lebte dort die Familie Tscheryba. Wir saßen in der Küche um den Tisch, mein Taxifahrer, ein Deutschpole, dolmetschte, und es wurde hin und her erzählt.

Herr Tscheryba hat um den Illguthhof gekämpft, bekam ihn und war nun, nach staatlicher Übereignung, Besitzer unseres Hofes. Aber als solcher fühlte sich Herr Tscheryba nicht. Er hatte einen größeren Hof in der Ukraine verlassen müssen, Schwarzerdeboden, Kartoffelacker. Er bewirtschaftete den Hof wie seinen eigenen, immer aber in der Gewißheit, der Illguth kommt wieder.

Ich habe Tscherybas die Gewißheit geben können, daß Illguths nie wieder zurückkehren würden, die haben eine neue Heimat in Deutschland gefunden. Der Illguthhof gehört ihm und seiner Familie. Endgültig.

Brigitte Kyser Untergriesbach