Gut gelaunt kam Wladimir Potanin in sein Büro im Hochsicherheitstrakt der Finanz-Industriegruppe in Moskau. Doch der vermeintlich reichste Mann Rußlands hat seit seinem letzten ZEIT-Gespräch im vergangenen Oktober kräftig einstecken müssen. Der Wert der Interros-Unternehmen, deren Präsident der 37jährige Potanin ist, purzelte mit dem russischen Aktienindex.

Allein die Marktkapitalisierung des Rohstoffgiganten Norilsk Nikel, an dem Interros zu rund 55 Prozent beteiligt ist, fiel von 2,2 Milliarden Dollar im Herbst vorigen Jahres auf nur noch 87 Millionen Dollar zum Anfang dieser Woche. Und auch der Wert der Beteiligungen an der Telekommunikationsholding Swjasinvest und dem Ölkonzern Sidanko erreichte historische Tiefststände. Die Uneximbank wiederum, die den Finanzkern der Interros-Gruppe bildet, ist zahlungsunfähig - wie fast alle russischen Geldhäuser.

Auch politisch hat sich die Situation für Potanin fundamental geändert. Der bodenständige Hobbyfußballer war einer der wenigen Oligarchen, die in den vergangenen Jahren stets zu den Reformern in der Regierung standen. Weil er einen guten Draht zum ehemaligen Vizepremier Anatolij Tschubajs hatte, bekam Potanin bei den wichtigen Privatisierungen seit 1995 öfter als andere Vertreter der Moskauer Oligarchen-Clique den Zuschlag. Das erzürnte die Konkurrenten. Der Krach um die Swjasinvest-Auktion im Juli vergangenen Jahres endete sogar in einer Regierungskrise und läutete das Ende der Reformer in der Regierung ein. Inzwischen hat sich Potanin mit seinem schärfsten Widersacher wieder vertragen. Most-Media-Chef Wladimir Gussinskij rief sogar während des Interviews an. "Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung", sagte Potanin höflich, "aber wenn ich einen Anruf von Walodja Gussinskij nicht entgegennehme, dann ist er beleidigt."