Das Ehepaar Christiane und Jan S. wähnte sich in einem Horrorfilm, als es im letzten Jahr die Hamburger U-Bahn benutzte, um in den Vorort Niendorf heimzukehren. Denn ein weiterer Fahrgast, Andreas W., fühlte sich durch die Anwesenheit des Paares offensichtlich provoziert. "Hast du Probleme damit, daß ich deine Alte anglotze", soll Andreas W. Herrn S. angeschnauzt haben.

Dieser, erfahrener Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel, gab sich devot und stritt jeden Unmut ab. Er wollte eine Eskalation vermeiden, zumal unter der Lederjacke des Mitfahrenden der Griff eines stattlichen Schlachterbeils hervorlugte.

Doch die Demut nützte nichts, beim Halt an der Endstation zog Andreas W. sein Beil, schüttelte es drohend und fragte Frau S., ob ein junger Mann, der ebenfalls im Abteil gesessen hatte, ihr Sohn sei. Aus Panik sagte die Frau ja, und W. grölte, nun wisse er, was zu tun sei, und eilte dem Jugendlichen hinterher. Das Ehepaar S. entkam.

Tags darauf wurde Andreas W. vom Zugführer wiedererkannt, deshalb steht er nun wegen Bedrohung vor dem Amtsrichter. "Wenn das stimmt, ich meine, das wäre schon schlimm", urteilt der Angeklagte selbst über die Tat, an die er, wie er sagt, sich nicht mehr erinnern kann.

Im Arbeitsleben hat Andreas W. nie richtig Fuß gefaßt. Ein paar Jahre lang versuchte sich der 48jährige als Lagerarbeiter, doch dann entschied er, sich auf Kosten seiner Mutter durchzuschlagen. Weil niemand dem mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraften Nichtstuer eine Wohnung vermieten wollte, mußte die betagte Dame vor kurzem erneut aktiv werden. "Mutti ist wieder aus dem Pflegeheim ausgezogen und hat uns eine hübsche Wohnung besorgt", freut sich der Sohn.

Mit Rücksicht auf den Zustand der pflegebedürftigen Mutter erließ man ihm sogar seine letzte Haftstrafe. "Damals haben Sie doch einen alten Mann überfallen und sind auf dem herumgetrampelt", erinnert sich der Richter. Doch mit solchen Bagatellen darf man Andreas W. nicht kommen: "Was soll denn das jetzt? Das ist doch verdammt lange her!"

Das Ehepaar S. identifiziert den Angeklagten im Gerichtssaal. Auch das Schlachterbeil wurde bei ihm sichergestellt. Ein handliches Werkzeug, das mit seinen 30 Zentimetern Länge bei etwas gutem Willen durchaus unter einer Jacke Platz finden kann. Die Zeugen bangten um ihr Leben. "Das war ja kein Taschenmesser, sondern ein richtiges Beil, damit kann man ruck, zuck einen Knochen durchtrennen", schaudert es Herrn S. noch immer. Und Frau S. erinnert sich: "Natürlich hatte ich Angst, der Mann war ja völlig außer Kontrolle."