Eine heilige Zumutung ist diese Frau, grandios und bestürzend inmitten der musikalischen Häppchenkultur. Bürgerschreck, der seit fünfzehn Jahren mit einer "Pestmesse" über Aids die Todessehnsucht beschwört

schwarzmähnige, bleiche Hexe, die zwischen Urschrei, Callas und Elektronik taumelt. Und nun?

Begleitet sie sich selbst am Flügel, singt den Blues, den Folksong, ja sogar die Supremes werden bemüht: "My World Is Empty Without You".

"Man muß eine Stimme haben, die ein Mittelding zwischen einer Motorsäge und Birgit Nilsson darstellt", wünschte sich die griechischstämmige Callas-Bewunderin aus Kalifornien und studierte klassischen Gesang. 1979 tauchte sie mit einem Stimmumfang von dreieinhalb Oktaven und einer tiefen Qual in Europas Avantgarde-Festivals auf, sang "The Litanies Of Satan" und veröffentlichte die ersten beiden Teile ihrer "Plague Mass", eine Heimsuchung.

Entsetzen und Entzücken: Ihre Performance-Auftritte waren Opferrituale, ihre Beschwörung des Todes und der Blumen des Bösen erschöpften sich manchmal in besessener Stimmakrobatik und dem sehnsüchtigen Wunsch, in fremden Zungen zu sprechen. Ein ständiger Erregungszustand, der nur dem Erregten aufregend erschien.

Und nun? Klaviertöne wie schweres Glockengeläut, Ton um Ton schreitet die zum Tode Verurteilte, tief, ganz tief setzt die Galás an, zieht langsam hoch und verharrt mit metallischem Vibrato in jenen dreckigen Gefilden der Stimme, die nur der verzweifelten Wut gehören: "Iron Lady" von Phil Ochs, über alle Frauen in allen Todeszellen der Welt. Dazu die beinahe traditionelle, klassische - "Bin ich zu laut?" - Klavierbegleitung.

Man hatte es vergessen: Mit 13 Jahren debütierte sie in San Diego mit Beethovens Klavierkonzert, zu Hause hörte sie Blues, Motown und New Orleans - Xenakis und Globokar, Poe, de Sade und Baudelaire kamen später. Diamanda Galás hat ein loses Fadenende ihrer Vergangenheit wiederaufgenommen.