Sonnabend mittag im westfälischen Städtchen Emsdetten: 97 Menschen, vier davon Frauen, versammeln sich im Bürgerzentrum. Von weit her sind sie gekommen, aus Hamburg, aus Köln, aus Nürnberg, aus Holland und Dänemark, allein mit dem Nachtzug oder im Auto zu viert. Auf Einladung des SK Turm wollen sie hier Schach spielen, 24 Stunden lang, ohne Pause, ohne Schlaf.

Sie nehmen Platz an Tischen, die zu langen Reihen aufgestellt sind. Darauf stehen Bretter, Figuren und Uhren. Fünf Minuten hat jeder Spieler pro Partie: Blitzschach. 117 Partien sind zu absolvieren: Blitzschachmarathon.

Es ist dies die modernste, schnellste, extremste Form eines Spiels, das weithin im Ruf steht, langsam und bedächtig zu sein: Schach so rasant wie ein Videoclip, wie ein Technohit.

Überlegen, ziehen, Uhr drücken, Gegner überlegt, zieht, drückt, überlegen, ziehen, Uhr drücken, Gegner überlegt - bis keine Zeit zum Überlegen mehr ist, dann wird nur noch gezogen und gedrückt, bis auch zum Drücken keine Zeit mehr ist, weil der Gegner schon gezogen hat, bis auch zum Ziehen keine Zeit mehr ist, weil das Kläppchen auf der Uhr herunterhängt und der Gegner auf Sieg durch Zeitüberschreitung reklamiert.

Nächstes Spiel.

Kann man das aushalten, 24 Stunden lang? Dreht man da nicht durch?

Wenn eine Partie im Schnitt 40 Züge dauert, muß das Gehirn 80 Stellungen beurteilen. Macht bei 117 Partien 9360 Stellungen. Hängt der Läufer? Droht Matt? Ist dieser Bauer noch zu retten? Auf welches Feld muß der Springer?