Im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ist der Herrscher sehr eitel und überzeugt von seinem Tun. Das Volk wagt nicht, ihm die Wahrheit zu sagen.

Da spricht es ein unbedarftes Kind aus: daß der Kaiser nackt ist. Die Wahrheit, die alle sehen, wird artikulierbar - das Tabu ist gebrochen. Gibt es eine Ähnlichkeit zwischen den Deutschen und dem Volk des Kaisers ohne Kleider? Der Kaiser - Parteien, Regierung, Parlamentarier, Gewerkschaften, Verbände - behauptet vielfach, die Blößen unserer deutschen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung seien durchaus bedeckt.

Allerdings bedarf es in Deutschland nicht des Naiven, Unverdächtigen, um auf die Nacktheit, auf Fehlentwicklungen, hinzuweisen. Hierzulande wird offen gesagt, daß der Kaiser nackt ist. So wird häufig und kompetent dargestellt, daß unser Arbeitsmarkt in weiten Teilen nicht mehr als Markt funktioniert und deshalb nicht zu mehr Beschäftigung führen kann

daß die staatliche Altersversorgung ihre Versprechen etwa vom Jahr 2020 an nicht mehr einhalten kann

daß unser Gesundheitswesen ein Exzeß des Dirigismus ist

daß ein Staatsanteil von fast 50 Prozent am Bruttoinlandsprodukt Ausdruck eines gigantischen Interventionismus ist.

Diese und andere Nacktheiten werden ausgesprochen. Sie werden von Teilen der Presse kompetent aufgearbeitet und dargestellt. Forschungsinstitute melden sich, Hochschulprofessoren, wissenschaftliche Beiräte einzelner Bundesministerien analysieren und machen Reformvorschläge. Einzelne Politiker, einzelne Vertreter der Wirtschaft weisen präzis auf die Blößen hin. Das Unglaubliche in Deutschland ist, daß die Nacktheit des Kaisers immer wieder angesprochen wird und trotzdem nichts passiert. Die Wahrheit wird gesagt, aber nicht zur Kenntnis genommen.