Hartau und Pirna

Deutsche und Tschechen. Teil eins einer Geschichte, die zeigt, daß Völkerverständigung ganz einfach sein kann und es dafür oft nur ein paar kleine Schritte braucht. Bert Brause aus Hartau an der sächsisch-tschechischen Grenze wollte zusammen mit seiner Tochter Rosine diese Schritte gehen. Voriges Jahr meldete er das Mädchen in der Grundschule im tschechischen Nachbarort Hradek nad Nisou an. Zweisprachigkeit könne in einem zusammenwachsenden Europa doch kein Fehler sein, dachten Herr und Frau Brause. Außerdem sei Hradek viel näher als die nächste deutsche Grundschule in Zittau. Der kleine Schritt geriet dann unverrichteter Dinge zur Odyssee, und erst nach allerhöchster Einwirkung, durch den Ministerpräsidenten persönlich, wurde eine Lösung gefunden, die den Brauses doch noch zu dem verhalf, was sie immer als ihr gutes Recht angesehen hatten.

Das erste Schuljahr in Tschechien beendete Rosine mit Bravour. In Tschechisch bekam die Achtjährige eine Zwei, in allen anderen Fächern eine Eins. Vor allem ersteres will etwas heißen, denn mit sieben Fällen und zungenbrecherischen Konsonantenballungen ist Tschechisch für Deutsche eine schwere Sprache. Die Lehrbücher erhielt Rosine kostenlos, und auch das bescheidene Schulgeld braucht die siebenköpfige Familie nicht zu zahlen.

Dafür übt der Vater, der seine Tochter jeden Morgen mit dem Rad über die Grenze begleitet, ab und zu Deutsch mit den tschechischen Kindern.

Soweit lief alles recht erfreulich, zumal die tschechischen Behörden nichts gegen die kleine Grenzgängerin einzuwenden hatten. Anders das Oberschulamt in Dresden, das sich von Anfang an querlegte und den Eltern beschied: Rosine muß ihrer Schulpflicht in Sachsen nachkommen. Der staatliche Erziehungsauftrag verlange, daß sich das Kind intensiver mit der Muttersprache beschäftigen müsse, als es in der tschechischen Schule möglich sei. Außerdem sei es für das Kind später sehr schwer, an eine weiterführende Schule in Deutschland zu wechseln. So sprach die Behörde. Brauses beharrten auf ihrer Entscheidung.

Der Fall kam vor Gericht. Im Frühjahr mußte die Familie eine herbe Niederlage einstecken. Dem Antragsteller stehe "kein Anspruch auf Erteilung einer Ausnahmegenehmigung von der Pflicht zum Besuch einer inländischen Schule zu", urteilten die Dresdner Verwaltungsrichter in einem Eilverfahren und folgten in wesentlichen Punkten den Argumenten der Schulbehörde. Sie verwiesen auf den "hohen Wert der Muttersprache" und die Notwendigkeit eines einheitlichen Bildungsniveaus für den Besuch einer weiterführenden Schule. Zwar werde "nicht verkannt, daß dem Erlernen einer fremden Sprache durch Kinder, gerade wenn diese in unmittelbarer Nähe zum Nachbarstaat aufwachsen, (...) ebenfalls ein hoher Wert zukommt"

eine Fremdsprache könne aber "auch auf anderem Wege als durch den Besuch einer Schule des Nachbarlandes erlernt werden".